Rabenschwarze Spottdrossel: Ulrich Horstmann mit dem Spiegel-Redakteur Christoph Gunkel. Director’s Cut. (2022)

C.G.: Vor zehn Jahren haben Sie in Ihrem Buch Abschreckungskunst einen starken Einstieg gefunden und schrieben: „Warum hat der Dritte Weltkrieg nicht stattgefunden? Es war doch alles bereit, die zuträglichsten Voraussetzungen schienen gegeben“. Nun erlebt das Wort „Dritter Weltkrieg“ gerade eine Renaissance, die Voraussetzungen scheinen erneut „zuträglich“. Was glauben Sie, bleibt uns auch diesmal wieder ein Dritter Weltkrieg erspart?

U.H.: Wir kennen weder Tag noch Stunde. Aber noch wird der dritte Weltkrieg in der Presse und in regierungsamtlichen Verlautbarungen oft kleingeschrieben. Wenn sich das nicht bloß aus Rechtschreibschwäche erklärt, könnte diese Zurückhaltung zumindest suggerieren: Es ist noch ein Stück Wegs bis zu den halbvergessenen Großtuereien des Kalten Krieges wie MAD, MIRV oder MEGACORPSE.

C.G.: Der Begriff Megacorpse geht auf den US-Strategen Herman Kahn zurück und bezeichnete im Kalten Krieg eine Mengeneinheit: 1 Megacorpse gleich eine Million Todesopfer eines nuklearen Angriffs. Bewahrte uns damals auch solch ein sprachlicher Zynismus vor einem Nuklearkrieg?

U.H.: Leute wie Kahn, Teller, von Neumann, die neben Wernher von Braun übrigens alle drei Pate gestanden haben für Stanley Kubricks Dr. Strangelove, also die Titelfigur des gleichnamigen Doomsday-Movies, waren vehemente Verfechter der Führbarkeit von Atomkriegen, und Kahn hat den politischen Entscheidungsträgern dafür eine Eskalationsleiter mit sage und schreibe 44 Sprossen angedient. Für den Abwehrzauber von Sprache besaßen diese Kriegstreiber keinerlei Sensorium, für Alarmismus und Panikmache schon.

C.G.: Wenn es also im Kalten Krieg vor Kriegstreibern und Panikmachern wimmelte, die Welt in der Kuba-Krise am Abgrund stand und auch im Vietnam-Krieg noch nukleare Optionen diskutiert wurden: Warum kam es dann doch nicht zur „genozidalen Kettenreaktion“, wie Sie es in Ihrem Buch nannten?

U.H.: In der Tat, die Knopfdruck-Mentalitäten gab und gibt es in Ost und West, in Pakistan, Indien, Nordkorea und anderswo, d.h. überall dort, wo Atomwaffen gebaut, gehortet und einsatzbereit gehalten werden. Was hat die potentiellen Massenmörder bisher in Schach gehalten? Ein kollektives Immunsystem namens apokalyptische Phantasie, die uns in Wort und Schrift, in alten und neuen Medien – von Film und TV-Serien wie “The Day After“ bis hin zu Video-Spielen und Computer-Simulationen – das Schlimmste an die Wand gemalt hat, um es zu verhindern. Nur, und daran laborieren wir gerade, diese Abschreckungskunst hat an Ein- und Nachdrücklichkeit verloren. Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Ende des Kalten Krieges mußte eine ganze nachwachsende Generation ohne ausreichende Schutzimpfungen zurechtkommen. Die zuvor stets präsenten Bedrohungsszenarien sind verblaßt oder gegen andere, z.B. ökologische, ausgetauscht worden. Konsequenz? Die Einflüsterer brachialer Problemlösungen melden sich zurück. Es rappelt in der Kiste.

C.G.: Ist die Vorstellung, düstere Kultur und Kunst hätten im Kalten Krieg einen atomaren Schlagabtausch verhindert, nicht ein wenig romantisch? Oder wurzelte die gelungene Abschreckung nicht eher in einer noch bipolaren, übersichtlichen Welt mit einem militärischen Patt zwischen Ost und West?

U.H.: Da fährt mir trotzig der Erzromantiker Novalis, der übrigens gerade seinen 250. Geburtstag feiert, dazwischen: „Die Welt muß romantisiert werden. So findet man ihren ursprünglichen Sinn wieder.“ Recht hat er, aber das bringt uns hier nicht weiter. Natürlich ist Abschreckung – wie das Waldsterben – ein multifaktorielles Geschehen. Doch die Rolle der menschlichen Einbildungskraft in diesem lebensverlängernden Zusammenspiel wird notorisch unterschätzt. Ohne die zahllosen Trips in die Katastrophe und ihre Nachgeschichte – wenn ich meine Lieblingsmitfahrgelegenheiten von Walter M. Millers A Canticle for Leibowitz bis zu Stanley Kramers On the Beach, von Russell Hobans Riddley Walker bis zu Lopuschanskis Briefe eines Toten aufzählen wollte, reichte diese Seite nicht – wäre die Gattung womöglich schon ultimativ ruhiggestellt. Und noch etwas. Abschreckung kann nie im umgangssprachlichen Sinn „gelingen“, denn dann wäre das Problem vom Tisch. Eine disinvention, ein Wiederwegerfinden der existenten ABC-Waffen dagegen ist ein Ding der Unmöglichkeit. (Es sei denn, man leert die Arsenale bis zum letzten Overkill.) Allein die Verlängerung der Schon- und Galgenfrist liegt in unserer Reichweite. Und nicht nur die Romantik, sondern die abgründige Lebensklugheit der Mythen holt uns ab: die Büchse der Pandora, das Damoklesschwert, die Sisyphusarbeit …

C.G. Allerdings hat sich die Medienwelt seit dem Kalten Krieg durch das Internet revolutionär verändert. Der Krieg in der Ukraine ist der vielleicht erste Handy-Krieg, bei dem sich die Welt in Echt-Zeit auf dem Schlachtfeld wähnt. Wenn Abschreckung, wie Sie sagen, im Kopf funktioniert – müssten diese Mechanismen nun nicht noch wirksamer greifen und Schlimmeres verhindern? Oder stumpfen wir ab und verlieren das Gespür für die Gefahr einer Apokalypse?

U.H.: Für Leute meines Jahresgangs war das Paradox einer massenmedial vermittelten Unmittelbarkeit schon beim Vietnam-Krieg zu erleben. Das hat sich inzwischen – der tautologische Schluckauf ist kaum zu unterdrücken – zur echten Echtzeit-Augenzeugenschaft gesteigert. Der eigentliche Adressat dieser allgegenwärtigen Netzwerke und Apparaturen wäre Gott, aber der ist, wie man hört, noch besser oder aber gar nicht verlinkt. Uns tun diese gadgets nicht gut, weil sie Ohnmächtigen in grotesker Disproportion weltweite Kurskorrekturenen und Interventionen zumuten.

C.G.: Ganz wie Sie Ihren Abschreckungskünstlern, Herr Horstmann.

U.H.: Moment. Was ich denen aufbürde, sind viel leichtere Backpacks, Unterlassungen nämlich. Die sind zumutbar, Überforderungen sind es nicht. Stellt man die auf Dauer, haben die Betroffenen in der Tat nur zwei Möglichkeiten: entweder abzustumpfen oder zu Kurzschlußreaktionen Zuflucht zu nehmen, die aus dem Bauch und nicht aus dem Kopf kommen. Um diesen Mechanismus zu illustrieren: Gegenwärtig sind wir uns nahezu einig, daß man den Brandherd am Schwarzen Meer am besten ‚klotzig‘ löscht, indem man den Überfallenen schwere Waffen liefert. Man darf gespannt sein, ob sich im Rückblick bestätigt, daß diese Entscheidung gescheit war.

C.G.: Sind Sie also skeptisch?

U.H.: Jetzt kommen wir im Ereignisstrom in richtig tiefe Wasser. Und zu allem Überfluß ist unsere Geschichte auch noch voller Strudel, die ‚gut gemeint‘ in ‚schlecht beschickt‘ und ‚todsicher‘ in ‚selbstmörderisch‘ verkehren können. Das Krösus-Syndrom also, wobei der sich vom Orakel weissagen ließ: „Wenn du den Halys-Strom überquerst, wirst du ein großes Reich zerstören.“ Es war sein eigenes. Aus solchen Hinterhältigkeiten folgt: Wir sind nicht geschichtsmächtig, wir haben nicht alles unter Kontrolle, so nachdrücklich wir uns das auch einreden. Da empfiehlt sich eine Schwimmweste, von der erfreulicherweise gleich mehrere Fabrikate im Handel sind. Skepsis. Schwarzer Humor. Zynismus. Kassandras Mae Vest.

C.G.: In gefährliche Strudel wagten Sie sich 1983 selbst mit Ihrem Buch Das Untier, in dem es auch um die Apokalypse geht. Das „Untier“ ist für Sie der Mensch, der sich nach Selbstauslöschung sehne. Sie schrieben, „hinter der Fassade des Friedenswillens und der endlosen Waffenstillstände“ gebe es eine „heimliche Übereinkunft“, dass „wir ein Ende machen müssen mit uns, so bald und so gründlich wie möglich“. Das war eine Provokation der Friedensbewegung, die gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstrierte. Was wollten Sie damit bewirken?

U.H.: Das Untier deklariert sich selbst als „Streitschrift“, ist also auf Krawall gebürstet. Nicht wenige haben den Fehdehandschuh aufgenommen und das Pascal-Motto überlesen: „Der Philosophie spotten heißt wahrhaft philosophieren.“ Hier singt also eine – zugegeben – rabenschwarze Spottdrossel, und was sie vorträgt, nenne ich Eventualitätsphilosophie. Philosophen sind zwanghafte Sinnstifter, die wie Hegel überall die List der Vernunft und die Rochaden des Weltgeistes wittern. Dieser Sinnhunger und Erklärungsfuror würde nach dem weltgeschichtlichen GAU, der nuklearen Apokalypse, vor seiner größten Herausforderung stehen, ginge es doch darum, das Widervernünftigste in den logischen Griff zu bekommen. Nur gibt es nach dem Endknall eben keine (neunmal)klugen Köpfe mehr, die die große philosophische Absolution ins Werk setzen könnten. Deshalb muß man ihnen im Vorgriff – und hier komme ich und mein „menschenflüchtiges“ Pamphlet ins Spiel – die Arbeit abnehmen und Das Untier schreiben, solange es noch geht. Zu Risiken und Nebenwirkungen kontaktiere man den ebenfalls eingangs herbeigewinkten Jonathan Swift und seine Yahoos.

C.G.: Hilft es uns also in solch unsicheren Zeiten sich darauf einzustellen, dass alles ganz schnell vorbei sein kann? Gerade die Deutschen sind ja bekannt für ihre „German Angst“.

U.H.: Herman Kahn, aus dem Gedächtnis zitiert: „We go to bed at night, and the next morning the house is still there. Thus are created illusions of permanence.“ Ein Spruch für jedes zweite Nachttischchen.

C.G.: Apokalypsen sind offenbar Ihr Lebensthema. Wagen wir daher zum Schluss einen Blick in die Zukunft: Wird uns das „Untier“ auch im 21. Jahrhundert verschonen?

U.H.: Die besten Voraussetzungen brächte die Gattung dafür schon mit. Sie ist und bleibt unberechenbar.

Unter dem Titel „Die Gattung Mensch ist und bleibt unberechenbar“ gekürzt veröffentlicht auf Spiegel+ am 26.05.2022