Aufhören!

Schreibverbote, literarische Exkommunikationen und Strategien des Verzichts – durchexerziert am eigenen Leib.

 

Ulrich Horstmann (1949-2004) war ein Schwarzarbeiter und stiller Störenfried des deutschen Literaturbetriebs. „Das Untier“, für das er den Kleist-Preis erhielt, ist seine nachdrücklichste Visitenkarte.

(Klappentext zu „Das Untier“. Warendorf 2004.)

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Trauen Sie Ihren Ohren nicht! Was hier so miles gloriosus-haft daherschwadroniert und naßforsch poltert wie eine Schaufel Erde auf dem Sargdeckel, ist eine Stimme, der es die Stimme verschlagen hat. (…) Meine schlecht getarnte, durchschaubar überkompensierte Niederlage ist grundsätzlicherer Natur. Der Krieg ist vorüber. Ich bin frei. Nichts und niemand erteilt mir Befehle, kommandiert mich herum, schickt mich auf philosophische oder belletristische Himmelfahrtskommandos. Ich kann tun und lassen, was ich will. Aber für einen Schriftsteller ist genau das die denkbar schlimmste Option, die existenzielle Katastrophe. Ein demissionierter Autor ist keiner mehr.

Dreißig Jahre lang ist etwas nach Gutdünken mit mir umgesprungen. Hat mich ein- und ausgeschaltet, wie ein Schleifer die Rekruten mal hochjagt, mal zur Öde des Nichtstuns verdammt. Wie die Einberufenen durch den Schlamm auf den Asphalt und vom Asphalt ins eiskalte Wasser gehetzt werden, bin ich immer schön abwechselnd durch die Mangel von Essay, Lyrik, Roman und Aphorismus gedreht worden, bis mir und den verzweifelnden Lektoren die Sinne schwanden. Wieder und wieder ging etwas ganz anderes von neuem los und machte die Kontinuität und Wiedererkennbarkeit zunichte, ohne die auch der Buchmarkt den Anbieter so wenig durchsetzten kann wie der Kaufpark ein Produkt ohne Markenzeichen. (…) Und welche Summe ziehe ich aus den Blessuren, Gewaltmärschen, Ausfällen, aus ungereimten Scharmützeln und schuldig gebliebenem Fersengeld? Ich ziehe daraus einen immerhin siebenunddreißigstelligen Saldo. Er lautet: Ich bin ein verfluchter Glückspilz gewesen.

Ich weiß (…) sehr wohl, daß dieses Andere, das mich packt und einwirft, das mir dreißig Jahre mitgespielt hat und wohl auch mit mir gespielt hat, im doppelten Sinne ein Nicht-Ich ist, nämlich erstens eine Größe jenseits der – für uns stets halbwegs einsichtigen – Subjektivität und zweitens ein mentaler „Fremdkörper“, der unser Denkorgan instrumentalisiert, will sagen, der das zum Instrument und Spielball macht, an dem er sich in seiner Spiellaune vergreift. Und ich weiß noch besser: Diese keineswegs feinfühlige und rücksichtsvolle, vielmehr reichlich unbekümmerte und (…) nicht selten durchaus inhumane Handhabung des Talentierten zählt zu den beglückendsten Erfahrungen, denen ein Mensch teilhaftig werden kann.

Aus (…) einer Randzone, dem persönlichen Mikrokosmos des Dichters a.D. U.H., habe ich Ihnen berichtet. (…) Ein Künstlerschicksal zu haben und möglichst lange behalten zu dürfen, auch wenn dabei alle Überziehungskredite platzen, das ist der höchste Wunsch und das ultimative Ziel solcher Existenzen. Unvernunft, Verbohrtheit, Monomanie und Obsession heißen die guten Feen, die an ihrer Wiege stehen. Und Freiheit und Selbstbestimmung können den ästhetisch Rekrutierten gestohlen bleiben, es sein denn, man definiert sie um zur Freiheit, sich auszuliefern.

(Aus: Einwurf. Ansichten eines Spielballs. Über das Ausgeliefertsein und seine Hirngespinste. Rede an der Münchener Hochschule für Philosophie, Juni 2004.)

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Ulrich Horstmann hat (1949-2004) hat bisher drei Bände mit Aphorismen veröffentlicht: „Hirnschlag“ (1984), „Infernodrom“ (1994), „Einfallstor“ (1998). „Hoffnungsträger“ ist seine erste posthume Publikation.

Wieviel Anschläge? Inzwischen eine rein terroristische Frage.

Wenn mir vor zwei Jahren eine innere Stimme nahegelegt hätte: „Schreiben einstellen!“, hätte ich das als Aufforderung zur unverzüglichen stilistischen Nachjustierung verstanden. Aber die Zeiten für solche feinsinnigen Verdrehungen sind vorbei.

Es gibt die große und die kleine Unsterblichkeit, d.h. die Revokation des Todes durch das Andenken der Nachwelt und sein Unterlaufen über den multiplen Exitus. Totgesagte leben länger, und wer in gewissen Abständen Nachrufe auslöst oder selbst in die Welt setzt, gelangt unweigerlich an den Punkt, an dem er als werter Verblichener jeden Kredit verspielt hat und sich sein Ableben definitiv nicht mehr mitteilen lässt. Das ist wenig gegenüber Gedenktafeln und Jubiläumseditionen, aber mehr als nichts.

(Aus: Hoffnungsträger. Späte Aphorismen und ein Entlassungspapier aus dem Dreißigjährigen Krieg. Warendorf 2006.)

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Ich (hatte) begriffen. Ich hatte verstanden, warum alles, was erzählen kann, rückfällig werden muß, sobald es nicht mehr erzählen will. Um der Nicht-Rückfälligen willen! Wegen der Armseligen, deren Lebensgeschichte zur Unzeit abgerissen ist (…) und die sie, die sich nicht mehr zu Ende bringen können. Man muß solche Biographien über die Köpfe der Betroffenen hinweg verlängern, vervollständigen, abrunden, damit sie nicht als Kurzschlüssige und Kurzgeschlossene (…) dem nachtrauern, in das sie nicht mehr zurückkommen, sondern lebenssatt und lebensmüde nach Ausschöpfung der Denkbarkeiten das Zeitliche segnen. Hatte ich mich, hatte ich andere (…) ausgeschöpft? Hatte ich nicht, nein, nein, und nochmals nein.

(Aus: Rückfall. Roman. Münster 2007.)

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Wir haben uns in unserer Auseinandersetzung mit den von Kunert ebenfalls beim Namen genannten „bedrohlichen, ja lebensgefährlichen Voraussetzungen des Schreibens“ vorwiegend um die (…) Gruppe gekümmert, die nach der Katastrophe auf den Beinen blieb oder langsam wieder auf die Beine kam. Dabei trat ohne Ausnahme der (…) bekannte Rossini-Effekt auf, d.h., bei genauerem Hinsehen sind die Wund- und Phantomschmerzen nach Verlust der Schreibhand natürlich auch bei denen, die die Notoperation am besten „wegstecken“, nicht verschwunden. Deshalb wird im großen Erfindungsreich der Literatur weiter nach wirksamen Nachsorgerezepten gesucht, die ein menschenwürdiges Überleben erlauben. Auch dieses Buch ist so ein Stück postkapitulatorischer Selbstmedikation. Es hat seinen Zweck erfüllt. Humpelnd trete ich zurück, trete ich weg in die lückenhafte in die nicht mehr auf Vordermann zu bringende Reihe derer, die gelernt haben, sich abzuschreiben.

(Aus: Die Aufgabe der Literatur oder Wie Schriftsteller lernten, das Verstummen zu überleben. Frankfurt am Main 2009.)