Im Verkehr

In Horstmanns Büchern fährt man mit Vorliebe Auto. Unfälle inklusive.

 

Ausgedörrte Felder mit langen Reihen halbvertrockneter Pflanzen.
Wir fuhren genau auf die Sonne zu.
„Verflucht heiß“, sagte Stainer.
Der Asphalt glitzerte wie die Wasseroberfläche eines schnurgeraden Kanals.
Immer wenn der Wagen einige leichte Querrinnen passierte, schaukelte er sacht wie ein schwerfälliges Boot.
Ich lehnte meinen Oberkörper aus dem Seitenfenster. wie Schienenwellen jagten die Pflanzenreihen vorbei.
Meine Augen tränten vor Staub.

Aus: Klaus Steintal (Pseud.): „Er starb aus freiem Entschluß.“ Ein Schriftwechsel mit Nekropolis. Obertshausen 1976.

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Die Stellung der Karosserie weicht um einiges von der Lotrechten ab. (…) Der Aufprall hat den Motorblock in den Fahrgastraum geschoben und dabei den Abstand zwischen Armaturenbrett und den Rückenlehnen der Vordersitze auf etwas ein Drittel schwinden lassen. (…) Das Wageninnere beherbergt vier Personen. Zwei Jugendliche im Fond, zwei Erwachsene – ein übergewichtiger Mann und eine Frau – auf den Vordersitzen. Die Oberkörper der beiden Halbwüchsigen befinden sich in Seitenlage. Die Oberkörper ruhen auf den Rückenlehnen der Vordersitze, während Becken und Beine ganz im rückwärtigen Fußraum verschwinden. Die Arme sind in unnatürlicher Haltung abgewinkelt; die Köpfe pendeln frei.

Aus: Steintals Vandalenpark. Erzählung. Siegen 1981.

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Ich war froh, als wir die letzte scharfe Kehre vor dem Picknickgelände hinter uns hatten und die Asphaltzunge erreichten, die der Parkplatz ein Stück weit zwischen die Bäume und das Buschwerk in den Forst hineinschob und von der wiederum die Zugänge zu den einzelnen Rast- und Grillplätzen abzweigten. Mit halbgeschlossenen Augen genoß ich das jetzt fast erschütterungsfreie Dahinrollen, spürte die leichte Querbeschleunigung, vernahm dann ein feines Platschen und Spritzen, das in Sekundenschnelle zu sintflutartigem Rauschen anschwoll, während der Wagen vorn abtauchte, eine Wasserwand über die Motorhaube emporstieg und auch schon schlammig-trüb gegen die Windschutzscheibe klatschte.

Aus: Patzer. Roman. Zürich 1990.

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Wo alles mobilgemacht hat, bewegt sich nur noch der, der gerädert anhielt.

Autobahnreparatur. Auf der seit Monaten gesperrten Gegenfahrbahn schiebt sich Gras und Unkraut durch die Nähte und Schwachstellen. Dazwischen Asphalt wie düstere Eisschollen, denen grünes Wasser die Ränder wegfrißt. Noch immer also gibt es Bewegung unter der Mobilität.

Bei längeren Autobahnfahrten stellt sich ein Stupor ein, wie ihn sonst nur Reptilien erreichen.

Dreispurig jagen wir den Sonnenuntergängen nach. Es wird wohl wieder Oktober geworden sein.

An Sonntagnachmittagen tut sich in Deutschland eine solche metaphysische Leere auf, dass die vollmotorisierten Bußprozessionen zwischen den Autobahnkreuzen nicht abreißen wollen.

Aus: Infernodrom. Programm-Mitschnitte aus dreizehn Jahren. Oldenburg 1994.

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Beim Gebrauchtwagenkauf war ich immer Internationalist: ein Leihwagen aus Paris, ein Reimportauto von den Kanaren und zum Schluß der schwarze Kombi aus der Transkei.

Das Geheimnis des Automobilismus liegt in der kontrollierten Explosivität, insofern gehören Zylinderkopf und Schädeldecke auch in unbehüteten Zeiten zusammen.

Bei der Überführung eines fremden Autos rolle ich hinter meiner Frau her. Der Beifahrersitz in unserem Wagen ist leer. Durch zwei Scheiben hindurch kann ich meine eigene Abwesenheit ausmachen, sehe ich zum ersten Mal das Herzstück jener Ohne-mich-Welt vor mir, der ich so gern auf der Stoßstange gesessen habe.

Aus: Einfallstor. Neue Aphorismen. Oldenburg 1998.

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Es macht sich Beine, hetzt über den Todesstreifen, wieselt durch den Kümmerwuchs der Zwischenzone, hat wieder Asphalt unter den Pfoten. Oder nein, nicht mehr. Der strahlt es an. Kocht gleißend auf. Wird magmaweiße Sonnenglut. Daraus ein Schlag. Was zischend nachfolgt, hält die Spur. Es trippelt. Die Vorderläufe Trommelstöcke auf einer Ofenplatte, die die Qual beheizt. Auf der Stelle, standorttreu. Bis sich das Überrollte schmatzend löst und eine andere Schleppe folgsam wird, Nachzügler nicht aus Abgasschwaden, sondern aus Fell und Körperbrei.

Aus: J. Ein Halbweltroman. Oldenburg 2002.

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Warnung vor dem Hütchenspieler

Hinten
an der Kante kauert er,
stellt   seine   Hütchen   auf,
während sein Kumpel auf der Überholspur
den Laster im ersten zur Schnecke macht.
Der Trick funktioniert;
das Gedränge ist schon da.
Als wäre der Asphalt aufgeweicht
unter die Räder gekommen,
geht es zäher und zäher voran,
bis das rien ne va plus
sich durchsagt, nachrichtendienstlich
und Wagentüren aufgehebelt werden
wie wieder und wieder verklemmte
Bremsklappen.
Gewendet
zum Geisterfahrer hinter dem Führerhaus
rauscht der Hütchenmann an seinem Werk entlang,
mit Spielregeln und Figurenaufstellung
sichtlich einverstanden.
Ein Blick von oben herab
über die Dächer und die Cabriolets,
schon ist er
singenden
Reifens
vorüber.

Aus: Picknick am Schlagfluß. Gedichte. Oldenburg 2005.

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Autobahnkapelle (wartungsarm)
mit Mühseligen und Beladenen

Karosserien knacken
auf dem Verbund,
Dichtungen lassen unter sich,
was beim TÜV nicht durchgegangen wäre.
Dies ist der Ort der aufseufzenden
aluminiumgestützten Hingabe, der strahlenden
Entkrampfung, der lichtbeschrankten
Reinwaschungen. Not-
dürftig blinkend fallen sie ein,
keine Minute zu früh. Und
während die Erleichterten schon tafeln
draußen an den Kantholzbänken,
kommt das am laufenden Band nachgelieferte Sitzfleisch
wie durch ein Wunder auf die Beine
und führt den Augenzeugen
jenes pharisäerhafte Schlendern vor,
das sie selbst im Angesicht der Ablaßstelle
um ein Haar zum Überlaufen gebracht hätte.

Aus: Picknick am Schlagfluß. Gedichte. Oldenburg 2005.