Suicide by knight oder Was macht Ockhams Rasiermesser? Frank Müller im Gespräch mit Ulrich Horstmann und Klaus Steintal (†). (2018)

 

Das ist ein fulminantes Stück Literatur. Ich habe es wirklich gerne gelesen, trotz und wegen seiner funkensprühenden Düsternis.
(Iris Radisch)

 

– Live-Mitschnitt Januar 2018 –

 

FRANK MÜLLER: Alle vierzig Sekunden findet ein Selbstmord statt, trotz Suizidprävention ist die Rate der freiwilligen Abgänge in den verschiedenen Ländern auffällig konstant. Was steckt dahinter?

ULRICH HORSTMANN: Mitleidslose Statistik, liegt mir auf der Zunge, aber ich schlucke es herunter. Die Selbstmordforschung ist erst durch den Soziologen und Statistiker Émile Durkheim wissenschaftlich respektabel geworden, und der Preis dafür war die Neuperspektivierung des Suizids als ein – zumindest in seiner Größenordnung – vorhersehbares Ereignis. Vergewöhnlichung statt Skandalisierung also. Und diese Vergewöhnlichung ist auch mehr als hundert Jahre nach Le suicide (1897) immer noch gewöhnungsbedürftig, denn mit seiner Einzeltat schneidet sich der Lebensmüde doch gerade gewaltsam aus allen Netzwerken, Gruppenzugehörigkeiten und Hochrechenbarem heraus. Das wissenschaftliche Wiedereinfangen eines solchen Eskapisten auf einer Strichliste kann der nur …

(Eine Art trocken-ersticktes Bellen wird laut.)

UH: … genau, mit einem Hohnlachen quittieren.

FM: Was, um Himmelswillen, war das?

UH: Das Alleinstellungsmerkmal dieses Interviews. Der Tod, egal ob durch Fremdeinwirkung, Organversagen oder von eigener Hand, wird totgeredet. Wir brauchen mehr Rücksichtnahme, und vor allem brauchen wir ein Mitspracherecht für die, die auf sich Rücksicht nehmen können, die Exlebhaften und Postmoribunden. Deshalb habe ich mir erlaubt, Klaus Steintal ins Spiel zu bringen oder vielmehr seinen Schattenriß.

FM (um Fassung ringend): Einen … VerVerVerblichenen?

KLAUS STEINTAL: Mausetot, darauf können Sie Gift nehmen. Und im Do-it-yourself-Verfahren über die Wupper.

UH: Acheron.

FM (sich wieder in die Gewalt bekommend): Ein Flach- … Fachmann … ein Experte mehr ist immer willkommen. Was also, Herr Steintal, treibt einen Menschen dazu, seine Existenz nicht weiter fortführen zu wollen?

KS: Jetzt bin ich weniger als ein Strich in der Landschaft, aber schon vorher lief ich schwer neben der Spur. Saft- und kraftlos, ein schlechter Witz, meine eigene Karikatur. Partnerschaft zerrüttet, beruflich keine Schnitte, rückgratversteift und kolikgeschüttelt. Ein Brechmittel für mich und andere. Irgendwann muß man aufwischen, was zum Himmel stinkt.

UH: Da hört man es aus erster Hand. Haben Sie mitgekriegt, wie das Gefasel vom egoistischen Selbstmörder den Bach runtergeht.

KS: Wupper.

UH: Das ist die cutting edge der Forschung, die selbst noch jahrzehntelang die üble Nachrede von der extremen Selbstsucht des Lebensmüden nachgebetet hat. Und dann kam Thomas Joiner mit seinen Myths on Suicide (2010), ein Psychologe mit Innenperspektive, der seinen Vater durch Selbstmord verloren hatte und selbst vor einschlägigen Anfechtungen nicht gefeit war. Die Untersuchung hat zumindest dreierlei klargemacht: Der altruistische Selbstmord ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel, denn der Verabschieder seiner selbst hat sich eingestehen müssen, daß die Nachwelt von der Subtraktion seines Ego nur profitieren kann. Zum zweiten offenbart sich der Suizid als das genaue Gegenteil des feigen Davonstehlens. Wer die Hand gegen sich erhebt, tritt gegen das Übermächtigste und Tyrannischste an, was es auf Erden gibt, den Überlebenstrieb. Dazu braucht es Todes-Mut und ein langes mentales Training, weshalb Joiner auch dem dritten Mythos – Selbstmord als Kurzschlußreaktion – den Laufpaß geben kann. Es ist vielmehr eine solche athletische Kraftanstrengung vonnöten, daß viele gerettete Selbstmörder keinen zweiten Versuch mehr stemmen können.

KS: Schwarz vor Augen.

FM: Bitte?

KS: Nur gnadenlos Überanstrengten wird schwarz vor Augen.

FM: Und dann?

KS: Gute Nacht, Marie.

FM: Ich meine, was kommt dann? Wohin geht die Reise. Aus welchem Jenseits haben Sie diesen – Abstecher eingeschoben?

KS: Kann man sich aussuchen.

FM: Nun machen Sie aber einen Punkt.

KS: Ich bin einer. Ausdehnungslos, wie das mathematische Lehrbuch es will. Aber im Ernst. Nach dem Tod Gottes und seit er einer von uns ist, sieht er die Dinge nicht mehr so eng. „You pays your money and you takes your choice“, lautet die Devise. Himmel, Hölle, Unterwelt, ewige Jagdgründe, Nirwana, Kreislauf der Natur, gehe ein, wo du willst. Nur gehe ein.

FM: Heißt das, auf Dauer …

KS: Ihr dauert mich …

(Es ploppt.)

FM: Wo ist er hin?

UH: Implodiert wie ein schwarzes Loch. Die Marotte kenne ich schon. Steintal kommt wieder wie ein Schluckauf, verlassen Sie sich drauf. Aber wir sollten die Chance nutzen, um voranzukommen.

FM: Kann man das, nach allem … Entschuldigung. (Räuspert sich.) Der Selbstmord ist schon immer ein Gegenstand des Nachdenkens. Rudolf Burger, dessen Buch Abstriche: vom Guten, und Schönen, im Grünen (1991) Sie in einer Rezension als „Gesundschrumpfung“ der großen philosophischen Systeme begrüßen, gibt eine erfrischend pragmatische Antwort auf die transzendentalphilosophische Beschäftigung mit dem Selbstmord: Wir leben nicht aus Gründen, sagt er, sondern weil unser Körper es verlange. Entscheidend für die Frage, ob das Leben lebenswert ist, seien allein empirisch kontingente Umstände. Ist der Selbstmord demnach gar kein grundlegendes philosophisches Problem?

UH: Rudolf Burger will in seinem Aufsatz Fallhöhe – Nachbemerkung zur Moralistik des Absurden, auf den Sie anspielen, ja auf die Irrelevanz von Letztbegründungsansprüchen hinaus: „Aus transzendentallogischen Gründen bringt man sich nur in russischen Romanen um.“ Ganz daccord. Andererseits, und hier verlasse ich seine Argumentationsebene, kann es einfach nicht angehen, daß sich das Somatische oder Situative das Nachdenken verbittet. Wir leben vor uns hin, grundlos, einfach so – zugestanden –, aber dann werden wir wach. Es durchfährt uns etwas, wir schrecken auf. Und vielleicht erschrecken wir gerade deshalb zu Tode, weil wir vegetiert und ein Blumenkohldasein geführt haben. Dann ist die schulterzuckende Kontingenz kein guter Ratgeber mehr, wenn sie denn je einer war. Dann geht es um den Ausbruch aus der Verelendung eines gedankenlosen Weiter-so.

FM: Eine Frage, die sich dem Alltagsbewusstsein immer wieder stellt, ist, ob man sich umbringen darf. In einer vollends säkularisierten Gesellschaft wird das Leben jedoch als pure Faktizität begriffen. Aus einem Sosein können streng genommen keine moralischen Normen abgeleitet werden. Man kann also sein Leben annehmen oder ablehnen, abhängig davon, wie gut man es lebt oder wie schlecht man es erträgt. Trotzdem wünschen wir uns offenbar eine Orientierung in diesen Fragen – welche Disziplin wäre dafür am ehesten zuständig?

UH: Wir drehen uns ein wenig im Kreis, aber das ist ja nicht nur beim Tanzen sinnvoll. Solange man sich nicht in die Ecke drängen läßt. Wer ist mit anderen Worten eigentlich in der Defensive? Der anything goes-Apostel, dessen letztes Wort die schöne Willkür hochhält, auch wenn er längst in der Zwangsjacke steckt, oder sein – weniger telegen-sendungsbewußter – Gegenspieler, dem es bei all der farbenfrohen Lebenslust auch zu bunt werden kann. Statt der virtuellen Gummizellen des Cyberspace gelüstet es ihn nach den asketischeren grauen, in denen man mit den Gegebenheiten zu Rande kommen muß – Beulen inklusive. Lichtenberg nannte die so diszipliniert Beschäftigten „Selbstdenker“, und das ist bis heute ihr Ehrentitel geblieben, auch wenn er in keinem Briefkopf erscheint. Ich pirouettiere zurück zum Anfang der Frage. Darf ich als Selbstdenker das Selbstdenken selbstmörderisch einstellen? Auf den Punkt gebracht …

KS: Danke fürs Stichwort: selbstverständlich.

UH: Hört, hört – die wieder zu Kräften gekommene Grabesstimme.

FM: Sind Sie eigentlich Bauchredner oder Nekromant, Herr Horstmann?

UH: Weder noch. Aber Steintal und ich blicken auf eine, sagen wir, bewegte Vorgeschichte zurück. Deshalb habe ich ihn immer öfter am Hals.

KS: Ockhams Rasiermesser bot sich an.

UH: Hören Sie nicht auf ihn.

KS: Etwas unphilosophisch appliziert, wie ich zugebe, dafür mit Verve. Die Naßzelle war anschließend …

UH: Schluß und aus! Bitte fahren Sie fort, Herr Müller.

FM: In Ihrer Anthologie Mit Todesengelszungen (2015), in der Sie Texte von Denkern versammeln, die den Selbstmord gegen seine christliche Verteufelung rehabilitieren, sind auch Schriftsteller aufgenommen, die den letzten Ausweg selbst für sich in Anspruch nahmen: Robert Burton, Philipp Mainländer, Jean Améry, Hermann Burger. Gibt es einen Unterschied zwischen bloßem Nachdenken und aktivem Beteiligtsein, zwischen theoretisierender Außen- und suizidaler Innenperspektive? Und inwiefern verschafft diese den Insidern womöglich einen Erkenntnisvorteil?

UH: Einen gravierenden Unterschied, das möchte ich doch meinen. Schopenhauer soll zwar einmal auf die Vorhaltung mangelnder Deckungsgleichheit zwischen seiner unglückseligen Metaphysik und dem eigenen behaglichen Lebensstil erwidert haben, ob schon jemand einen Wegweiser den Weg habe gehen sehen, den er ausschildere. Aber das ist ein hübsches Sophisma. Denn natürlich rechnet man es literarischen oder philosophischen Werken hoch an, wenn sie von ihren Autoren gleichsam existenziell beglaubigt und besiegelt werden. Senecas befohlener Selbstmord auratisiert seinen lebenslangen Stoizismus; Boëthius’ Trost der Philosophie (um 525) hinterläßt uns nach seiner Hinrichtung durchaus trostloser, als wäre er begnadigt worden; und als der Scheiterhaufen unter Giordano Brunos nackten Füßen zu knistern begann, verwandelte sich seine Lehre von der Unendlichkeit des Universums nicht in heiße Luft, sondern in einen Heißluftballon, eine Montgolfiere des Antidogmatismus. Allerdings ist die sogenannte Blutzeugenschaft kein Wahrheitsbeweis; auch Lug und Trug kann Heerscharen von Märtyrern und Überzeugungstätern aufmarschieren lassen, wie die Menschheitsgeschichte ad nauseam beweist. Ob und bis zu welchem Grad die von Ihnen genannten Apologeten des Freitodes richtig lagen, können sie uns im nachhinein nicht mehr mitteilen, aber …

KS: … ich. Ich kann es.

UH (aufseufzend): War mir für einen Augenblick entfallen. Stimmt ja. Unser Pendler hier weiß Bescheid.

KS: Soll ich also auspacken? Aus der Kiste kommen?

FM: Sind Sie doch schon, unbildlich gesprochen. Oder meinen Sie – Horstmanns Trickkiste? Es interessiert mich brennend, wie er Sie heraufbeschwört.

KS: Andersherum. An-ders-her-um. Ich gehe ihm nach, ich konfrontiere ihn mit sich selbst, aber immer wenn es soweit ist und es ans Eingemachte geht, will er mir den Mund verbieten.

UH: Weil es meine Sprechorgane sind, die du mißbrauchst.

FM: Aha, so erklärt sich das. Transzendentaler Ventriloquismus würde ich vorschlagen. Der Entdecker tauft das Phänomen.

UH (hustend): Verschlucken Sie sich bloß nicht an Ihrem Wortungetüm so wie ich mich an meinem. Haben Sie ein Glas Wasser?

KS (ebenfalls gequält): Lethe?

FM (einschenkend): So lassen Sie ihn doch ausreden. Die Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder und die Lösung des großen Menschheitsrätsels …

UH (wieder zu Stimme kommend und unwirsch): Vielleicht haben Sie schon gehört, daß ich Abschweifungen auf den Tod nicht ausstehen kann. Wir bringen jetzt dieses Interview mit Anstand zu Ende – wie sich das für aufgeklärte Kulturschaffende gehört. Anschließend kümmern wir uns um den Frosch im Hals, den ich unüberlegterweise – und ich entschuldige mich in aller Form dafür – in unser Gespräch eingeschleppt habe, und schieben seine Clownerien noch nachträglich zwischen Giordanos Scheite. Und wenn dann noch Zeit ist, was ich sehr bezweifle, können wir meinetwegen wie Turing der Enigma des Demiurgen zu Leibe rücken.

(Schweigen. Irgendwo surrt es leise.)

FM: Gut … schade … also. (tonlos vorlesend) Anders als Sie, der Sie das christliche Paradigma wirkungsgeschichtlich für weitgehend verarbeitet halten, gibt es für Rudolf Burger überhaupt nur ein stichhaltiges Argument gegen den Suizid und die Unterstützung bei diesem, nämlich ein religiöses. Dieses wirke in den Debatten zur Sterbehilfe als Relikt vergangener Zeiten unreflektiert fort und blähe sich dort zu einer universalen Norm auf. Darin zeigt sich, wie sehr solche Fragen von der Beschreibung beziehungsweise Bewertung geschichtlicher Entwicklung abhängen.

UH: Ja und nein. Die Religion der Liebe war in ihrer Hochzeit oft so erbarmungslos gegen die ,gotteslästerlichen‘ Aussteiger wie die antiken Olympier und ihre sterblichen Spielzeuge liberal. Allerdings verstärken die meisten Weltanschauungen, weil sie ihre Klientel doch in unbedingter Verfügungsgewalt wissen möchten, das biologische Radikal der conservatio sui (Spinoza) noch mittels postmortaler Straf- und Vergeltungsszenarien. Der Lebensmüde hat in diesem Fall nicht nur gegen einen instinktiven körperlichen Starrsinn anzukämpfen, der nicht einmal den vollzogenem Absprung respektiert und – wie Überlebende berichten – das Sekundenintervall des Sturzes von der Golden Gate Bridge für nahezu aussichtslose Rückbekehrungen zu nutzen weiß. Er muß auch noch den erdrückenden Seelenballast der ihm von Kindesbeinen an eingebleuten jenseitigen Torturen abschütteln. Umso erstaunlicher die Tatsache, daß es wohl nie eine menschliche Gesellschaft, ein soziales Umfeld gegeben hat, in denen Suizide nicht vorkamen. Wenn es so aussah, waren sie nur perfekt getarnt wie im ritterlichen Milieu. Wer sich hier den Kelch abtun wollte, brach ein Fehde mit dem Nachbarn vom Zaun und beging nicht suicide by cop, sondern suicide by knight – feierliches katholisches Seelenamt inklusive.

FM: Sie beschreiben die Geschichte des Selbstmords als eine Pendelbewegung: Auf die Ächtung des Suizids durch das Christentum folgt seine aufklärerische Rehabilitierung, wie sie etwa in David Humes Essay on Suicide and the Immortality of Soul (1784) begegnet. Von hier aus schwingt das „Pendel“ zurück, zur medizinischen Selbstmordfeindschaft, aber auch zur aktiven Sterbehilfe, in der Sie eine – noch zu erörternde – Rückkehr zur Fremdbestimmung und Bevormundung des Suizidanten sehen. Ist das als Metapher zu verstehen oder beschreiben Sie damit eine historisch zusammenhängende, langfristige Entwicklung?

UH: Pendelbewegungen sind bei unserem Gesprächsgegenstand gang und gäbe, nicht zuletzt weil das Sich-Erhängen die Hitliste – statistisch gesehen – nach wie vor mit Abstand anführt. Und auch historisch gibt es dieses Hin und Her, gibt es Grundseen, die viele Generationen umfassen und bei denen die Wellenberge eines aufbegehrenden Nein sich abwechseln mit den toleranteren ,Durchhängern‘ der Talsohlen. Beim Selbstmord allerdings war das Christentum, das muß man ihm lassen, ein Kaventsmann.

FM: In Ihrer erstmals 2012 in Sinn und Form erschienenen Polemik Wider das Herumdoktern an den Notausgängen gehen Sie mit der aktiven Sterbehilfe hart ins Gericht. Der Sterbehelfer sei ein „Auftragskiller“, sein vorgeblicher Wille, einen anderen zu erlösen, eine glatte Lüge. Auch derjenige, der aktive Sterbehilfe für sich in Anspruch nimmt, kommt nicht besser weg. Er dränge sein Gegenüber in die Rolle des Henkers und nehme billigend in Kauf, daß es seelischen Schaden davonträgt. Auf der anderen Seite betrachten Sie den Suizid als letzten, als radikalsten Akt menschlicher Freiheit. Wie paßt das zusammen? Andere Konzepte gehen immerhin mit großer Selbstverständlichkeit davon aus, daß, wenn man das Recht eines Menschen auf Selbstvernichtung bejaht, man auch das Recht bejahen muß, ihm auf Verlangen dabei zu helfen.

KS: Glückwunsch. Volltreffer.

FM: Danke. Schön, daß Sie wieder einsteigen.

KS: Anderen ihre Erbarmungslosigkeit vorhalten und selbst Prinzipien reiten, bis das hohe Roß unter ihm zusammenbricht. Genau so ist er. Ich kenne den Herrn, war lange genug sein Steigbügelhalter, das glauben Sie mal.

FM: Wie soll ich das verstehen?

KS: Auf den Büchern dieses Plappermauls stand immer Horstmann, aber es war Steintal drin. Und wenn er mich mit seinen Fortschreibungen und Ergänzungen nicht verfälscht und verwässert hätte, bis ich mein eigenes Wort nicht mehr verstand, steckte er jetzt nicht in der Bredouille und müßte Hü und Hott für dasselbe Kommando erklären.

FM: Starker Tobak, Herr Horstmann! Bestimmt möchten Sie Stellung nehmen.

(UH schweigt.)

KS: Hat ihm die Sprache verschlagen. Seit meinem Abgang damals mit dem venerabilis inceptor und dessen Lieblingsinstrument als Sterbehelfern …

UH (schlägt auf den Tisch): Wer sich verteidigt, klagt sich an. Nächste Frage!

FM: Wenigstens ein Satz zur letzten.

UH: Viele halten den Begriff Selbstmord für unglücklich und ungebührlich derb. Das Gegenteil ist der Fall. Man kann und muß ihn beim Wort nehmen, dann weiß man, woran man ist: Ein Täter, ein Opfer – in Personalunion –, das sich gewaltsam vom Leben zum Tode befördert. Wo von Dritten sanft befördert wird oder wo zwei, fünf, hundert Leichen am Tatort zurückbleiben, liegt auch im Enteinzelungsfall kein, wie es heißt, ,erweiterter‘ Selbstmord, sondern Mord beziehungsweise ein Massaker vor.

KS: Ich komme aber insgesamt auf vier.

FM: Wie bitte?

KS: Sätze. Vier Sätze.

FM: Um so besser. Danke, Herr Horstmann. Der Suizid ist für Sie also etwas schlechterdings nicht Delegierbares, weil die bloße Zustimmung zur Tötung diese einer Fremdbestimmung überantwortet. Vermutlich wird aus Ihrer Perspektive so ungehörten Widerrufen, Fehlinterpretationen, der Durchsetzung individueller Motive, absichtlichen oder unabsichtlichen Mißverständnissen zwischen den beiden Seiten Tür und Tor geöffnet. Sind das nicht Grenzfälle, die, wenn man sie generalisiert, dem Sterbenwollenden zum Nachteil ausschlagen? Ist nicht genauso das Gegenteil denkbar, eine genaue Übereinstimmung von Willen und Handeln, der Sterbehelfer als verlängerter Arm des Selbstmörders?

UH: Es geht doch gar nicht darum, Hindernisse zu beseitigen, Hürden abzubauen und den Lebensmüden die grauenvolle Arbeit der Selbstentsorgung zu erleichtern oder abzunehmen. Das wäre anmaßend. Es reicht voll und ganz, wenn man die zitternden Hände gewähren läßt und das Selbstbestimmungsrecht in einer, in der Grenzsituation par excellence nicht antastet, also weder Einspruch erhebt noch (un)gut zuredend ,anschiebt‘ oder nachhilft.

FM: Willkommen in Teufels Küche. Diese Nichteinmischungspolitik ist doch das Gegenteil von realitätstüchtig. In einer konkreten Situation ist das Sichheraushalten ein frommer Wunsch. Ein Todkranker fleht Sie an. Eine junge Frau geht ins Wasser. Sie überraschen einen Mitbewohner dabei, wie er sich vor dem Medikamentenschrank eine Überdosis in ein Glas tropft. Sind Sie so herzlos und beten sich das Mantra vom „Selbstbestimmungsrecht in einer Grenzsituation“ vor oder versprechen Sie Ihr Möglichstes, springen Sie hinterher, schlagen Sie dem Ertappten das Fläschchen aus der Hand?

UH: Die Küche des Teufels hat viele Türen. Eine für Selbstmörder, eine für Philosophen, eine andere für Geschichtenerzähler und noch eine für Suizidologen.

KS: Wohl eher eine Katzenklappe.

UH: Jedenfalls trifft man sich am Katzen… – dieser Wiedergänger bringt mich noch um den Verstand –, jedenfalls trifft man sich am Küchentisch.

KS: Wie er sich wieder herausgewunden und herausgeredet hat. Nicht zu fassen! Dabei hatten wir ihn doch so schön an der Gurgel. Und mit Occam’s razor abgekehlt wären die Untersuchungsakten rasch geschlossen: eindeutig Unfall oder Selbstmord wie bei Stifter. Von Fremdverschulden keine Spur.

FM: Noch ein Anlauf: Patientenverfügung. Und wenn diese nicht vorliegt und der Sterbenskranke keiner Willensäußerung nicht mehr fähig ist: eine „Hermeneutik des verschlossenen Fremdbewusstseins, die Achtung vor dem Leben in Verbindung mit einer Moral des Mitleids, der säkularen, ideologisch unverfälschten Barmherzigkeit“ (Rudolf Burger).

UH: Wir reden aneinander vorbei. In Großteilen der gegenwärtigen breiten Selbstmorddebatte geht es nur noch um das fine tuning, d.h. um möglichst genau und ,narrensicher‘ zu programmierende Abläufe und ihre juristische Absicherung. Deshalb werden die Eventualitäten immer mehr, die Patientenverfügungen immer länger. Ich kann mich in diese selbstläuferhafte quasi-scholastische Kasuistik nicht hineinsteigern. Sie verursacht mir Unwohlsein und Gähnkrämpfe. Und die Hoffnung auf ein wortmagisches Besprechen bei den Grenzgängen ins Nichts, wie er hinter Rudolf Burgers „Hermeneutik des verschlossenen Fremdbewußtseins“ aufzutauchen scheint, habe ich mir gleichermaßen abgeschminkt.

FM: Einen „anständigen“ Selbstmord muss man Ihrer Ansicht nach schon selbst und von eigener Hand begehen: von der Planung bis zur praktischen Ausführung. Denen, die das – etwa aufgrund körperlicher Einschränkungen – nicht mehr vermögen, sagen Sie, dass sie die einmalige Gelegenheit nun mal verpasst hätten. O-Ton Horstmann: „Alles hat seine Zeit, auch der Tod von eigener Hand. Und eines Tages ist der Zug abgefahren, auf den man paralysiert eben nicht mehr aufspringen kann.“ Und Sie zitieren aus Thomas Szasz’ Fatal Freedom: Die Entscheidung muß zu früh erfolgen, damit sie nicht zu spät kommt. Auch Cioran spricht davon, daß der gescheiterte Selbstmörder seinen Tod verfehlt hätte und ihm vielleicht keine zweite Chance mehr zustehe. Das alles klingt – Erbarmungslosigkeit zum zweiten – sehr unnachsichtig.

UH: Von welchem Mitleid reden wir? Dem, das die ,Dazwischenfunker‘, Sterbebegleiter und Bevormunder (zum angeblich Besten ihrer entscheidungsunfähigen Mündel) von der Umwelt einfordern, um ihr interventionistisches Verhalten vor sich und anderen zu rechtfertigen und moralisch zu auratisieren? Oder von dem, worauf die Lebensmüden Anspruch erheben? Im letzteren Fall – und nur der ist es, der mir auf den Nägeln brennt – bin ich aus dem Schneider. Der „Selbsttödler“, so die noch im Angesicht der Medusa sprachspielerische Neuprägung Hermann Burgers, stellt keine Ansprüche mehr. Ihn regiert eine radikale Autoaggressivität. Er hat sich gerichtet und richtet sich hin, bisweilen auf ausgesucht grausame Weise. Und weil er sich selbst gegenüber das letzte Fünkchen Mitleid ausgetreten hat, ist er uneinholbar geworden – für Liebe und Haß, für Abscheu und Mitgefühl. Dem Helfersyndrom tränen die Augen.

FM: Was wäre denn die Konsequenz aus der Beschränkung des Selbstmords auf diejenige Lebensphase, in der sich der Suizidant noch als handlungsmächtig erlebt? So etwas wie suizidale Achtsamkeit, eine intensive Beschäftigung mit dem richtigen Zeitpunkt, der aufgrund der Spontaneität und Impulsivität des Akts für den Suizidanten ja gar nicht voraussehbar ist?

UH: Nach Joiner geht jeden Suizid und jedem ernstzunehmenden Versuch – insbesondere bei Adoleszenten gibt es ja auch Mimikry zuhauf – eine oft jahrelange Vorbereitungs- und Trainingsphase voraus, in der sich die Kandidatinnen und Kandidaten in vielerlei Hinsicht desensibilisieren und für die Begegnung mit der Todesangst abhärten. Auch Abtrittsszenarien werden ausphantasiert, durchgespielt und auf Abruf gespeichert, so daß die sogenannte Kurzschlußreaktion sich als optische Täuschung entpuppt. Die faktische Auslösersituation, in der der Überlebenstrieb momentan auf ,einladende‘ Weise geschwächt ist, läßt sich in der Tat nicht voraussehen, aber die moritura, der moriturus weiß sie spontan zu nutzen, wenn sie eintritt, weil die nötigen Handlungsmuster über obsessive mentale Exerzitien längst internalisiert sind. Soweit vielleicht und etwas verkürzt meine Füllung dessen, was Sie als „suizidale Achtsamkeit“ zur Diskussion stellen.

FM: Vor kurzen fiel bei Ihnen der Begriff Kasuistik. Nehmen wir also den Casus, das Beispiel Sigmund Freud, ein prominenter Fall von Sterbehilfe. Freud war starker Raucher und tat es nicht unter zwanzig Zigarren am Tag. Die Folge war ein Mundhöhlenkrebs, der ihn seit 1917 bis zu seinem Todesjahr 1939 peinigte – über zweiundzwanzig Jahre hinweg, man stelle sich das vor. In über dreißig Operationen wurden große Teile der Kieferknochen entfernt. Er mußte eine monströse Prothese tragen. Im Endstadium entstand ein offenes Loch von der Mundhöhle nach außen, begleitet vom unerträglichen Geruch absterbenden Gewebes. Freuds Bett wurde mit einem Moskitonetz überspannt, um die Fliegen abzuwehren. Sein Hund wollte nicht mehr in seine Nähe und verkroch sich in der hintersten Ecke des Zimmers. Sein Arzt, ein gewisser Dr. Schur, erlöste ihn durch Injektion von zwei Morphiumspritzen. Während des – von ihm selbst beförderten und deshalb umso besser absehbaren – Krankheitsverlaufs hätte Freud vielfach die Möglichkeit gehabt, Hand an sich zu legen. Ein besonders dramatischer Fall verpaßter Gelegenheiten?

UH: Ich stehe mit gesenktem Haupt vor der Selbstüberwindung derjenigen, die ihren angeborenen Überlebenswillen in die Knie zwingen. Ich stehe mit gesenktem Haupt vor der Ich-Stärke derjenigen, die unter Lebensumständen wie den von Ihnen geschilderten aushalten, weil sie eine Aufgabe zu erfüllen, ein Lebenswerk zu vollenden haben, das auch den Krebs zur Nebensache werden läßt.

FM: Ich frage der guten Ordnung halber noch einmal nach: Dr. Schur, seinem Arzt, hatte Freud 1929 das Versprechen abgenommen, ihm „wenn es mal soweit ist“, unnötige Qualen zu ersparen. Daran erinnerte Freud ihn noch einmal am Vortag seines Todes. Das wäre für Sie ebenfalls nicht legitim? Oder hat der Arzt sich Freuds Begehren vielleicht einfach zusammengelogen?

UH: Im Vorfeld des Todes, auch des sogenannten assistierten, betreten wir eine Dunkelzone aus Andeutungen, Intuitionen, Mißverständnissen, Resonanzen, Untertreibungen, Überzeichnungen, der Interferenz von Lebensgeschichten und Selbstbildern. Wer bin ich, ein literarischer Freibeuter und Versucher im Geiste, wenn ich Essayist mal so eindeutschen darf, daß ich mich zum Richter aufwerfe über zwei Mitmenschen, die es in der Katastrophe, fast hätte ich gesagt, gebacken kriegen.

FM: Fragen wir doch bei dem Betroffenen selbst nach. Freud hat darauf aufmerksam gemacht, daß die psychische Realität des Todes eine andere ist als die faktische. Wir neigen dazu, unser Ende zu verleugnen. In dem kleinen Aufsatz Unser Verhältnis zum Tode schreibt der Wiener Nervenarzt, wir hätten die „unverkennbare Tendenz (…) den Tod beiseite zu schieben“, unbewußt sei jeder von seiner Unsterblichkeit überzeugt. Diese Verdrängungsleistung hat ihren Ursprung in einem vorzeitlichen Gefühlskonflikt: Der Urmensch mußte erfahren, daß mit dem Anderen immer ein Teil des eigenen Ichs stirbt. Gleichzeitig ist der Andere nicht man selbst, sondern das Fremde und potenziell Feindliche. – Vermag Ihnen vielleicht die Psychologie ein Spurenelement von Verständnis für die Prokrastinierer unter den Selbstmördern zu vermitteln?

UH: Freud war ein Alleserklärer, und wenn man kein Freudianer ist, hindert einen nichts, sich die Rosinen aus seiner Weltanschauung und dem nicht mehr ganz ofenfrischen dreischichtigen Essigübermich-Kuchen herauszuklauben. Daß wir von Natur aus Todesflüchter sind und wie alle Evolutionsgeschöpfe sein müssen, macht es um so erstaunlicher, daß einige – und nicht die Schlechtesten – umkehren und dem Unheil in die Arme laufen können, um dort Zuflucht zu finden. Womöglich verkörpern sie einen gleichsam raffinierten Todestrieb, mit dem der reife Freud bekanntlich die seine Patientinnen umtreibende Libido austarieren wollte; womöglich sprengen sie, wie jedes andere, so auch sein System. Die regelmäßig zu diagnostizierende Zögerlichkeit des Willens zum Tode hat aber nichts mit Verdrängung zu tun. Im Gegenteil, sie meint ein Umkreisen und Ausbaldowern. Zuerst aus den Augenwinkeln, zuletzt aus den Augenhöhlen des noch eingefleischten eigenen Schädels.

FM: Zur Ablehnung der aktiven Sterbehilfe gehört, auf dem Prinzip der Nichtintervention zu bestehen. Auch ohne die Selbsttötung wie D’Holbach und Feuerbach für einen über unsere Köpfe hinwegrollenden Naturdeterminismus zu halten: So wenig, wie man sagen kann, daß jeder Selbstmörder krank und ein Fall für die Psychiatrie ist, gilt doch der entgegengesetzte Fall: Nicht jeder, der der Welt den Rücken kehrt, ist seelisch gesund und bei Sinnen.

KS: Ist das jetzt auf mich gemünzt? Als ich den Staub alles Irdischen abschüttelte und es mir wie Schuppen von den Augen fiel, während dieser Herr hier die seinen weiterhin rechts und links vom Scheitel und auf den hängenden Schultern mit sich herumträgt, war ich jedenfalls glasklar im Kopf. Was hatte ich noch zu verlieren? Einen Namen? Den hatte Horstmann in sein Pseudonym verkehrt und damit zur Fiktion gemacht. Texte, wie man sie noch nicht gelesen, Gedankengänge, wie man sie noch nie erkundet hatte? Sie gehörten mir nicht mehr, weil er mich enteignete und sich alles, alles unten den Nagel riß. Wenigstens ein Mitspracherecht? Pustekuchen. Dafür machte mir diese Ausgeburt der Bescheidenheit – „Wer bin ich, daß …“ – die Zwillingsexistenz und das Zusammenleben zur Hölle. Erst hat er mich abgeschrieben und dann war ich es. Der selbsternannte Nichtsterbehelfer Ulrich Horstmann hat mich in den Tod getrieben.

UH: Also sprach Klaus Steintal. Da haben Sie ihren hirnrissigen Selbstmörder, Herr Müller! In Reinkultur. Wie könnte ich solche Fälle in Abrede stellen.

(Lautes obszönes Vergurgeln.)

FM: Was war das nun wieder?

UH: Die Spülung oder der Abgang eines Verflossenen. Hören Sie einfach weg.

FM: Sie hatten ihn ja schon auf den Plan gerufen. Der Selbstmörder Hermann Burger hat Ihnen, wie Sie sagen, ein „posthumes Kompliment“ gemacht: Unter den Büchern, die man auf dem Schreibtisch des Verstorbenen findet, sind drei Ihrer Werke. Dafür haben Sie sich gewissermaßen revanchiert und den achten Band von Burgers Gesamtausgabe benachwortet. Als Burger in seinem Tractatus logico-suicidalis (1988) als „einmalige Begründung eines einmaligen Suizids“ den Selbstmord in Anlehnung an die Wittgensteinsche Vorlage ‚beweist‘, haben Sie Burger in einer Rezension zu seinem Buch beschworen, es bei der literarischen Verarbeitung seines Rücktritts aus der Reihen der Lebenden zu belassen. Ist das keine versuchte Intervention?

UH: Ein kleines bißchen Bevormundungslust werden Sie mir doch gönnen. Und ein Interesse daran, daß große literarische Begabungen weiterknechten. Sie haben ja schon auf das Dilemma hingewiesen, das sich einstellt, wenn ein überzeugungsgesättigtes Menschenhirn in eine Situation gerät, in der ein anderes gerade auf dem Absprung ist und Ernst macht mit den eigenen Schlußfolgerungen. Unbeirrbare Gradlinigkeit in der Theorie, rate ich in solchen Fällen an, und eine gewisse, eine gewissenhafte Kurvenlage in der Praxis.

FM: Meine These: Sie lassen sich von einem Angstbild leiten, und zwar vom spiegelverkehrten Zerrbild des Selbsttötungsverbots, dem Selbsttötungsgebot. Schließlich glauben Sie, daß eine Zukunft möglich ist, in der eine überalterte Gesellschaft ihre unproduktiv gewordenen Mitglieder systematisch euthanasiert.

UH: Zerrbild? Wir waren schon in ähnlichen Milieus. Und der letzte Aufenthalt ist erst tausend Jahre her. Aber hängen wir das alles niedriger und folgen wir Blumenbergs Gebot der „Depotenzierung des Schrecklichen“. Es gibt eine Kurzgeschichte von Jack London mit dem Titel The Law of Life; darin überläßt ein Eskimotrupp, der Not gehorchend und nicht ohne eine Handvoll Feuerholz, einen gebrechlichen Alten seinem Schicksal. Wir leben, dem wissenschaftlichen Konsens zufolge, in einer Phase globaler Erwärmung. Kann es sein, daß wir trotzdem innerlich immer weiter abkühlen und vergletschern, bis der seelische Permafrost – und die Gebote der Ressourcenschonung – Londons Call of the Wild wieder hörbar oder gar unüberhörbar werden lassen?

FM: Noch einmal zurück zu den Todesengelszungen. Bei Autoren wie Lichtenberg und Cioran übernimmt der gedanklich antizipierte Suizid eine selbsttherapeutische Funktion, bei Valéry und Burger gleicht er einer nervenkitzelnden Vorübung. Im ersten Fall erscheint es, als könne man sich der Selbstzerstörung durch Ersatzhandlungen entziehen, im zweiten gleicht der Sog in den Tod einem selbstablaufenden Programm. Aber auch hier kommt das Subjekt paradoxerweise gerade im Untergang wieder zu sich selbst, das ist das Gegenteil einer Verdüsterung …

UH: Sie fassen das sehr schön zusammen. Und ich habe mit beiden Positionen keine Probleme. Sie schließen sich auch keineswegs aus, denn wir bestehen zum Glück aus vielen Legierungen. Im übrigen ist auch der umgangssprachlich schwarz eingefärbte Galgenhumor, dem wir auf den vorangegangenen Seiten, wenn ich mich nicht täusche, ein paar Mal über den Weg gelaufen sind, „das Gegenteil einer Verdüsterung“.

FM: Sie plädieren dafür, die Normalität des Suizids anzuerkennen, ihn zu entpathologisieren und ihm vom Rande der Gesellschaft wieder in die Mitte zu versetzen. Ist er am Ende noch eine Art Kulturtechnik?

UH: Natürlich. Wir müssen weg von der gängigen Krankheits-, Unfall- und Entgleisungsmetaphorik. Wenn es den Selbstmord nicht gäbe, müßte man ihn erfinden. Nicht zuletzt, weil das Spielen mit dem Gedanken daran so vielen das Leben gerettet hat und noch retten wird.

FM: Ihnen auch? Sie pflegen zum Selbstmord ja selbst engen Kontakt, nämlich einen literarischen. Damit meine ich einerseits die von Ihnen übersetzen Autoren wie den schon erwähnte Robert Burton oder James Thomson, der nur zufällig vor dem selbst in die Wege geleiteten Feuertod gerettet wurde. Jack London und Oscar Wilde brachten sich über Umwege zu Tode. Andererseits, und darauf will ich hinaus, haben Sie sich ein Pseudonym zugelegt, das seit Ihren literarischen Anfängen als fiktiver Autor, literarische Figur, Gesprächspartner in Interviews und sogar als Herausgeber Ihrer eigenen Schriften durch Ihr Werk geistert. Dieser Doppelgänger ist ebenfalls ein Selbstmörder, so liest man in „Er starb aus freiem Entschluss“ – Ein Schriftwechsel mit Nekropolis (1977). Wohin hat die jahrelange Auseinandersetzung mit dieser fixen Idee Sie geführt? Was steht auf der Gewinn-, was auf der Verlustseite?

UH: Ich nehme den Namen Klaus Steintal nicht mehr in den Mund nach dem blamablen und für uns beide ehrenrührigen Auftritt, den er hier hingelegt hat. Als Kronzeugen hatte ich ihn in vorgesehen, als Dreckschleuder führt er sich auf. De mortuis nil nisi bene, ich weiß. Aber bei aller Liebe und allem Dank, den ich ihm schulde, genug ist genug!

FM: Mit Das Untier, den Konturen einer Philosophie der Menschenflucht (1983) haben Sie einen Bestseller vorgelegt. Das Buch ist ein Aufruf zur kollektiven Selbstabschaffung der Gattung Mensch, eine Apokalypse in Heimarbeit, wenn man so will. Gräbt man allerdings etwas in Ihren früheren Veröffentlichungen nach, so findet man, daß das nicht ihre eigenen Thesen sind, sondern die Ihres Doppelgängers. Herr von Guttenberg läßt grüßen?

UH: Es ist zum Mäusemelken. Jetzt gehen Sie ihm auch noch auf den Leim. „Es steht Horstmann drauf, aber es ist Steintal drin.“ Das wollen wir doch mal sehen. Im Gegensatz zum Freiherrn von und zu Guttenberg räume ich mein Verteidigungsministerium nicht.

(Eine Art trocken-ersticktes Bellen wird laut.)

 

Wer ist Klaus Steintal?
Hinweise zum Interview Suicide by knight

Klaus Steintal tritt erstmals 1972 als Pseudonym Ulrich Horstmanns in Erscheinung. Seitdem hat Horstmann sein Alter Ego konsequent zu einer literarischen Figur ausgebaut – etwa zum Vertreter einer „anthropofugalen“ Weltsicht in der Erzählung Steintals Vandalenpark (1981) oder zum befreienden Aufklärer in den Theaterstücken und Hörspielen. Bemerkenswert ist, dass Steintal aus dem Binnenraum der Texte ausbricht: Unter dem Titel „Er starb aus freiem Entschluss – ein Schriftwechsel mit Nekropolis“ (1976) gibt der Literaturwissenschaftler Horstmann – angeblich – die nachgelassenen Schriften des jungen Selbstmörders (sic!) Klaus Steintal heraus. Spiegelbildliches ereignet sich im Prosaband Konservatorium (1995), der nach dem „plötzliche(n) Ableben“ des Autors Horstmann von dessen testamentarisch bestimmtem Nachlassverwalter Steintal herausgegeben wird. Die Literatur okkupiert die Wirklichkeit, die Grenze zwischen Fakten und Fiktionen scheint zu verschwimmen. In jüngeren Veröffentlichungen intensiviert sich die Doppelgängerbegegnung nochmals: Horstmann und seine Kunstfigur arbeiten sich vis á vis aneinander ab.

Weitere Informationen zu Horstmanns Doppelgänger unter https://bit.ly/2GTt1rB

F.M.

 

Erstmals erschienen in: Bernhard Kraller (Hrsg.): Die Angewandte Kunst des Denkens: Von, für und gegen Rudolf Burger, Band 1. Sonderzahl Verlag: Wien 2018.