Klaus Steintal: Endlich Oberwasser (2024)
Für Frank Müller
Solange ich denken kann, war das Verhältnis zu meinem, sagen wir, Heraufbeschwörer angespannt, denn der, dem ich eingefallen war, bediente sich schamlos bei meinen Einfällen und bei meinem Stilgefühl. Horstmann stand drauf, Steintal war drin. Kein Wunder, daß das erzwungene ‚Zusammenspiel‘, die literarische Leibeigenschaft, in völliger Zerrüttung endete, als er mich 2019 als Namensgeber der Klaus Steintal Foundation nach Phoenix, Arizona, abschob. Die Stiftung, die die Förderung einer schlecht beratenen und denn auch als Torso endenden Werkausgabe auf ihre Fahnen geschrieben hatte, stand nur auf dem Vorsatzpapier des dritten Bandes und ist wohl nicht einmal mit einem Belegexemplar in die Staaten gelangt, wo ich, auf mich allein gestellt, im Edgar Allan Poe Museum von Richmond, Virginia, Unterschlupf fand und mich mit dem ausgestopften Raben anfreundete, dessen „Nevermore“ ich zum Erstaunen der nicht eben zahlreichen Besucher auch ohne Knopfdruck täuschend echt nachzukrächzen lernte. Zuhause dagegen war ich, wie es schien, ganz und gar abgeschrieben und mundtot.
Dann aber wendete sich das Blatt. Ein gutes ungutes halbes Jahr ist es jetzt her, daß es auch meinem Doppelgänger, Verschatter und Überstrahlemann die Sprache verschlagen hat und er nur noch von approbierter dritter Seite für sich schreiben läßt, und zwar Diagnosen: Hüftarthrose, Makuladegeneration, Diabetes-Schübe, verengte Koronargefäße. Aus meiner Nemesis ist mit anderen Worten und hast du nicht gesehen ein überzuckerter Blindfisch geworden, dem das Herz nur noch per Stent aufgeht und der sich jedes Schwänzeln gegen den Strom dreimal überlegt. Fast kann er einem leidtun, dieser nasse Sack, aus dem in seinen besseren Tagen meine Zwangsjacke geschneidert war, weshalb ich mir an dieser Stelle jede Schadenfreude, jede üble Nachrede versage und jetzt unwidersprochen und frei von der Leber weg das Wort ergreife und mich an meinem Abschöpfer schadlos halte.
Auf Horstmanns Seite dagegen Heimtücke von Anfang an, denn auf die Welt brachte er mich 1976 nicht als vielversprechenden Debütanten und Hoffnungsträger, sondern ungleich hoffnungsträger als Totgeburt. „Er starb aus freiem Entschluß“ steht auf dem Cover, und zwischen den Umschlagseiten findet sich der zusammengeklaubte Nachlaß eines zwanzigjährigen Selbstmörders, den er mir als Untoten anhängte und gleichsam lebenslänglich aufbürdete. Ein anspruchsloses Wortspiel, eine bloße Verdrehung der Buchstabenfolge bringt es an den Tag: Kaum auf der Welt war meine einzige Zukunftsperspektive die von Horstmanns Strohmann.
Aber wozu sich zur Abschreckung aufpflanzen lassen auf weiten Feldern und seine Wunden lecken, die ohne Bildbruch gar nicht zu haben sind und mich doch nach wie vor schmerzen. „Let bygones be bygones“, sagte der Rabe in meinem Gastland manchmal um Mitternacht, wenn er aus der Rolle fallen durfte. Und das will ich mir hinter die Ohren schreiben.
So wie die Dinge liegen – Horstmann sind die Zügel entglitten, Kachexie macht sich breit –, geht es nicht mehr ums Rekapitulieren, Buchführen und Aufrechnen, sondern um einen Befreiungsschlag hinter der Schmutzseite. Die Stunde des Exorzismus, des Abstreifens der Fesseln, des Zurückbiegen des Fluches auf seinen Urheber ist gekommen. Ich, Klaus Steintal, bin so frei, mich aus der Fron zu entlassen, versetze den Coup de grâce, erzähle meinen eigenen Geschichten, aber nicht ohne mich der Schützenhilfe und des Beistandes von zwei weiteren Vogelscheuchen zu versichern.
Der Erstkontakt fand sinnigerweise über dummdreiste Horstmann-Notate statt. Das erste, das ich so nicht stehen lassen konnte, lautete: „Es ist kein Satz mehr übrig, mit dem eine Kurzgeschichte beginnen könnte, außer diesem hier.“ Das wollen wir doch mal sehen. Die Tinte, mit der ich seinen Ukas durchstreiche – ich schreibe nach wie vor mit der Hand, wenn nicht sogar aus dem Handgelenk – war nämlich noch nicht trocken, als sich spiegelverkehrt auf dem Löschblatt die Umrisse eines Ferienhauses auf Hydra abzeichnen, wo ich gerade die Klingel abklemme, die ich anschließend als Souvenir ins Hessische verbrachte. Dort versah sie seither ihren Dienst aus Trotz und Heimweh noch unzuverlässiger als schon in der Ägäis, schnarrte jetzt aber pflichtschuldig auf. Andererseits, spekulierte ich vor dem Blick durch den Spion, hätte der wegen eines nicht schöngeistigen Abflußproblems dringlich erwartete Hausmeister Position beziehen können oder ein vom angefressenen Vollinvaliden U.H. mit einer schon halb gekippten WG-Bestellung betrauter Pizzabote oder – weiterer offener Rechnungen wegen – der um diese Zeit arg verspätete, weil üblicherweise schon auf leeren Magen vorstellig werdende Gerichtsvollzieher. Aber nichts dergleichen.
Mitten im verzerrten Blickfeld und schalkhaft ins Glasauge blinzelnd stand da – wie aus dem Ei gepellt und mit anachronistischer Fliege – ein soignierter Herr, der sich als ‚Dom‘ vorstellte und Einlaß begehrte. Ich tat ihm den Gefallen, und als er mich passierte und ich auf dem Rückenteil seines Zweireihers ein paar Strohreste entdeckte, die seiner Kleiderbürste entgangen waren, wußte ich, daß meine Vorahnung mich nicht getrogen hatte und mein erster Alliierter auf der Bildfläche erschienen war.
Die Anwerbung einer blutjungen – wenn schon, denn schon – und strohblonden Gefährtin dagegen erfolgte über eines von Horstmanns verlottert anzüglichen Prosagedichten: „Frontal konnte sie sich in jeder Schaufensterscheibe in Augenschein nehmen. Schön und gut. Aber hinterrücks brauchte es ein zweites Augenpaar wie meines, das das zweite Gesicht heranzoomte, das sie unter den Hüften vor mir hertrug. Aufreizend unbewußt, als ob eine zweite Zunge dort bei jedem Doppelschritt zwischen anderen Wangen hin und her führe und sich – ‚tongue in cheek‘ – sprachlos über die Sprachlosigkeit eines Folgsamen mokierte.“
Ich flüsterte ihr das ungebeten auf einer Parkbank und kassierte eine Ohrfeige dafür. Nach Richtigstellung und der Anmerkung, daß sie derartiges – so wie ich ihre Gangart einschätzte – doch wohl nicht nur beim Zweitverwerter beklatschen würde, erkundigte sie sich nach dem Namen des Verfasser und danach, wie man sich bei ihm „unter der Gürtellinie“ erkenntlich zeigen könnte. „In Sachen Horstmann“, versicherte ich ihr daraufhin bereitwillig, „sind Sie bei mir an der richtigen Adresse.“
Einsatzbereit wie die beiden nunmehr waren, bestellte ich Dom – kein versächselter englischer Vorname, sondern wie er mich, ohne eine Miene zu verziehen, schon beim Erstkontakt ins Bild gesetzt hatte, das Kürzel für „dirty old man“ – und – ich wollte mich in Sachen Sprachwitz nicht gleich von einem Nobody in die Tasche stecken lassen – ‚Virginia‘ am nächsten Tag zum zweiten Frühstück, nicht ohne auf meine angespannte finanzielle Situation hinzuweisen und an ihre, sagen wir, kreatürliche Bringschuld zu erinnern.
Er hatte auf sich warten lassen, seine Unpünktlichkeit auf seinen verlegten Füllfederhalter und die defekte Klingel geschoben, dann aber der ihm noch unbekannten jungen Dame formvollendet seine Aufwartung gemacht.
„Gestatten, mein Fräulein, Domenico de Quiroga López. Bonvivant. Mit wem habe ich – wenn der Herr Gastgeber uns schon voreinander geheimhält – die Ehre?“
„Meine Güte, ein Kavalier der alten Schule. Ich bin Virginia, Virginia Undsonstnichts. Ohne Bandwurm. Merken Sie sich einfach: starker Tobak.“
„Angenehm, Dom, wenn’s beliebt.“
Für den Cava Brut, den er als Gastgeschenk aus einer transportablen Kühlbox zieht, ist in meinem Apartment nur ein abgesplittertes Weinglas aufzutreiben, das wir kreisen lassen, was eine gewisse Ausgangssolidarität stiftet, denn schließlich sind wir alle drei Eingebildete, wenn auch unterschiedlichen Ranges: ich ein Hirngespinst erster Ordnung, meine beiden Gäste als Phantasmen eines Phantasmas gleichsam doppelt gestreckt. Und doch einte uns, wie sich infolge des nicht minder illusionären spanischen Als-ob-Champagners und der, so Domenico de Quiroga López, damit „ihrerseits ins Moussieren geratenden Konversation“ herausstellte, dasselbe Herzensanliegen, nämlich den Spieß umzudrehen und den Initiator der sich aufschaukelnden Reihe von Trugbildern unsererseits wegzuerzählen und in einer Art existenzieller Rochade die so entstandene Leerstelle zu besetzen.
„Es steht Horstmann drauf, ist aber Steintal drin“, sagt Virginia.
„Und Virginia und Domenico“, sage ich. „Eine symbolische Aktion könnte etwas bringen.“
„Als da wäre?“ Es kreist der von Virginia bestückte Brötchenkorb. Die Croissants sind frisch, die von mir als Gastgeber zusammengekratzte Butter allerdings erweist sich wie die ausgebliebene Pizza als ranzig.
„Ein Klick bei Amazon, und vor deinem Spion steht einer, der die Gesamtausgabe auf Händen trägt.“
Dann eben Konfitüre pur.
„Den Torso ohne Band II, meinst du. Horstmann ohne Biß, dafür mit Zahnlücke?“
Hagebutte ist vorrätig. Ein Genuß, wie das Verfallsdatum auf der Zunge zergeht.
„So ungefähr. Und dann Tipp-Ex im Sechserpack, und überall, wo sein Name auftaucht oder er sich selbst übertrifft, also halbwegs anständig schreibt, tupfen wir das weg, machen Tabula rasa. Ein Palimpsest entsteht …“
Das Wasser kocht.
„Und hinein mit den Eiern des Granden! Welche …“
„Anzüglichkeiten bitte ausschließlich unter meinem Copyright“, insistiert der Konquistadorensproß.
„… Ferkelei ist das denn wieder?“
„Doppelt beschriftetes Pergament. Der ins Auge springende Triumph des Oberflächlichen über die Tiefenschärfe.“
„Ich denke, wir wollten raus aus dem Drunter-und-drüber?“
„Aber auf jeden Fall muß das Dotter weich bleiben!“
Das Wasser blubbert. Die drei Konspiratoren sind also freigestellt und verfallen in Schweigen.
Das Resultat der Bedenkzeit läßt sich vielleicht so wiedergeben: Wer keinen Autor sucht wie die Figuren bei Pirandello, sondern ihn wie wir gerade loswerden will, tut gut daran, sich nicht mit unverrückbaren Gegenständlichkeiten, den traum- und wunschbildlosen Tatsachen anzulegen, die zum Beispiel von vornherein verhindert hätten, daß Amazon einen so windigen und nicht kreditwürdigen Kunden wie mich überhaupt beliefert, und sich lieber mit dem Butterweichen, Eiernden und Willfährig-Anschmiegsamen ins Einvernehmen zu setzen.
„Sind wir d’accord?“
Virginia fährt sich überrascht mit der Zunge über die Lippen und senkt dann wie in zögerlichem Einverständnis den Kopf. Dom hat kürzere Reaktionszeiten. Wie aus der Luft gegriffen hält er ein Perlmuttlöffelchen in der Hand, beugt sich vor und entfernt das Gelbe vom Ei aus ihrem Dekolleté.
„Ist es gestattet?“
„Es tafelt der Gourmet.“
Blitzsauber verschwindet das Löffelchen schon wieder in der Innentasche.
„Und nun zu deinem zweiten Gesicht. Oder lese ich die Menüfolge falsch?
‚Frontal konnte sie sich in jeder Schaufensterscheibe …‘ Es rezitiert Klaus Steintal.“
„Untersteht euch!“
„Also gut“, schiebt Fräulein Undsonstnichts mit spitzten Mündchen nach, „kennt ihr das?
Fahrwasser // In der Pfütze / Entengrütze, dazwischen / gleicht ein Ei / dem anderen. / Reifen vom das / zum der, Laich / vom der zu die / a nach e und / iii!“
Kopfnicken.
„In Kommission bei mir bestellt.“
Domenico räuspert sich, die Hand vorm Mund.
„Kennt ihr das?
Lob des Schwergängigen // Im Dickicht / das Gehdicht / strampelt sich / in Fußangeln ab / der aber bringt es / statt auf Trab / in sein Grab / der ihm Beine macht / auf den Schneisen / Richtung Fangeisen.“
Kopfnicken.
„Ihm von mir in die Feder diktiert.“
„Auch aller schlechten Dinge sind drei“, sage ich. „Klingelt’s hier?
UHOR abschreiben // Vier Buchstaben / sind noch übrig / von der großen Prasserei / darauf nimmst du / Platz und übst / Presserei will sagen / anhaltenden Druck aus / bevor du die / schon halb verwischten Restbestände / ohne Augenbinden / den ABC-Schützen überläßt.“
Kopfnicken.
„‚Etwas für Deutsch-Abiklausuren, Steintal‘, hieß es. ‚so ein selbstkritischer Kram. Eine deiner leichtesten Übungen.‘“
Da begriff ich, daß der angebliche Pflegefall Horstmann hinterrücks nach wie vor die Fäden zog, an denen wir zappelten wie in der gleichen Schlinge. Virginia und Domenico waren keineswegs meine Erfindungen, sondern alle drei gehörten wir zu den Ghostwritern, die in den zugelieferten Texten allenfalls kurze Gastauftritte hatten und sich wie ich mal in der Markenbezeichnung einer überdrehten Uhr (Stonedale), mal in dem vergifteten Dankeschön an einen schlampigen Korrekturleser wiedererkennen durften. Die Mitglieder dieses Kollektivs dienstbarer Geister aber bosselten isoliert vor sich hin und wurden nach Gutdünken abgeschöpft. Entgegen meiner früheren kreativen Selbstüberschätzung gab es zwischen uns kein ontologisches Gefälle, keine Abstufung der ‚Seinsdichte‘. Spukhaft und unsolide befanden wir uns durch die Bank auf dem gleichen Level, dem des alles auf eine Karte setzenden Zockers in einem falschen und abgekarteten Spiel.
Dieses Schlimmstenfalls schien auch dem Herrn der Fliegen Domenico de Quiroga López durch den Kopf zu gehen, als er seine Manschetten justierte und sich etwas vom „Flecktarn der Multimorbiden“ in den nicht vorhandenen Bart murmelte.
„Für den Showdown“, erkläre ich hoffentlich vernehmlicher, „brauchen wir keine Arena der Fußangeln und Fangeisen, sondern das genaue Gegenteil: eine Halbwelt, ein heruntergekommenes marodes Milieu, übersät von geworfenen Handtüchern, einen Ort verminderter Geistesgegenwart, den Brückenkopf des Vorüber, der Schwächung, fortschreitender Impotenz …“
„Schade drum“, fährt mir Virginia Undsonstnichts in die Tirade.
„… fortschreitender Depotenzierung also und der zerebralen Aderlässe, unwiderruflichen Zerfalls, Tarkowskijscher Friedhofsruhe am Arsch der Welt.“
Ich muß Luft holen. Sie bläst die Backen auf.
„Poe, wenn schon.“
„Wie bitte?“
„Poe der Welt. Ihr wißt doch: The Facts in the Case of M. Valdemar und so weiter.“
„Aber mit den Fakten ‚in the case of U. Horstmann‘“, erinnert uns Domenico, „wollten wir doch gerade Schluß machen.“
„Und eben deshalb“, übernehme ich wieder, „deportieren wir unseren Gegenspieler in die Unheimlichkeit des Abgewirtschafteten, der Schnäppchen und der Mängelexemplare und schaffen ihn uns da vom Hals.“
„Womit wohl auch bei unserer Poetess der Groschen gefallen wäre“, beschließt der Bonvivant und trinkt in einem Zug und mit hüpfender Fliege das letzte Glas des mitgebrachten Cava leer.
Irgendwo im Hintergrund schwappt, plätschert und planscht es auch, als der Glasschneider knirschend kurz vor Mitternacht seines Amtes waltet und wir durch ein Seitenfenster in das Antiquariat einsteigen, das sich in grotesker Verkennung der über ihm zusammenschlagenden neuen Medien weiterhin als „modern“ bezeichnet. Eben dort unter den Ewiggestrigen werden wir ihn und seine lückenhaften Werke stellen, zupacken und wissen, was zu tun ist. An die Regale also.
Leiterspagat. Virginias sich hebender Rock.
„Hier steht nichts. Ich finde beim besten Willen kein Buch von ihm. Ganz H ist sauber. Selbst unter Horst-Ulrich Mann keine Konterbande.“
„Umso besser. Dann vielleicht im Giftschrank.“
Quietschende Scharniere, die klingen, als ob eine eiserne Jungfrau sich an Pietro Aretino verginge.
„Ausgeräumt vom Internet. Viel Platz für ungespültes Geschirr.“ Wie aufs Stichwort nimmt das Planschen, Plätschern, Schwappen zu. „Sonst wieder Fehlanzeige. Scheint so, als ob hier alles verpufft.“
„Hüte deine Zunge. Es wird ernst.“
Die Taschenlampen vagabundieren herum auf der Suche nach der letzten Zuflucht vor dem Absturz ins Nichts und Nie-Gewesensein: den Grabbeltisch des Weg-mit-Schaden. Die Eingestiegenen haben ihn links liegenlassen, denn bei Geschäftsschluß räumt man ihn üblicherweise aus Wind und Wetter in einen toten Winkel hinter der Kasse. Endlich macht ihn Domenico aus, leuchtet ihn an, während die beiden anderen sich darüber hermachen und mit vereinten Kräften im Ramsch wühlen.
Zum dritten Mal endet der Lokalisierungsversuch mit hochgezogenen Schultern und Brauen.
„Nicht zu glauben, er tut uns doch wahrhaftig den Gefallen und löst sich in Luft auf.“
„Wer nochmal?“
„Hab’s auf der Zunge, war etwas zwischen falscher Veuve Cliquot, angegangenem Streichfett und Lübecker Marzipan, wenn ich nicht irre.“
„Freut euch nicht zu früh.“
Am Tatort schlägt es dreizehn für den, der sich verzählt, verkalkuliert. Urig auch, wie auf den letzten Glockenton das Schwappen, Plätschern, Planschen von einem abgrundtiefen Saugen weggeschlurft und überlagert wird.
Ich schlage mir vor den Kopf: „Regal, Giftschrank, Resterampe. Da ist noch nicht aller Tage Abend. Wir haben den größten Abräumer vergessen!“
Der Schlüssel des Hinterausgangs steckt von innen. Ein seltsames Sechsbein hastet über den Hof auf den monströsen Altpapiercontainer zu.
Klappe auf.
„Mehr Licht! Mehr Licht!“
Was darin dröhnend kreist, ist ein quirliger Trichter aus Halbliquidiertem, ein Mahlstrom von Papier, Pampe, Lumpenfetzen und anderem Unrat, die sich erst tief, tief unten wie eine Sektschale abflachende und wieder schließende Steilwand der Makulatur. Und am oberen Rand hängt einer wie angenagelt und dreht seine Runden. Es geht nicht mit rechten Dingen zu, wohl aber mit Edgar Allan Poe. Der Mann ist ein Torso wie seine Werkausgabe. Kein ganzer Kerl mehr, sondern ein Wicht, der sich absatz- und kapitelweise hat über Bord gehen lassen. Und über eben dieses routinierte literarische Verhackstücken hat er sie sich eingehandelt, die Ausweglosigkeit hochfahrender Wiederkehr.
Horstmann scherte beide aus, Zeige- und Mittelfinger seiner Rechten, wenn sie noch an ihm hingen. Doch die Verbindungen sind abgerissen. Die triumphale Geste setzt er sich statt dessen in den Kehlkopf, der nicht zu den Extremitäten zählt. Allerdings bleibt es, weil einen wegen des halsbrecherischen Umschwungtempos der Schwindel ergreift, schwierig, ihm seine Botschaft inmitten des infernalischen Getöses von den Lippen abzulesen. Jeder von uns versteht etwas anderes. Allein, ich bin mir sicher, was es war, das dieser Irrläufer, Drehwurmkrüppel, Steilwandfahrer uns randständigen Avataren aus voller Kehle, aus ganzer Seele ins Gesicht geschrien hat: „Endlich, endlich Oberwasser!“
