H. W. Gámez vergleicht Horstmann, Mainländer und von Hartmann
Mit der spanischen Übersetzung des Untiers durch Manuel Pérez Cornejo, erschienen 2024 als El monstruo. Perfiles de una filosofía antropófuga, erhält Horstmanns Werk neue internationale Aufmerksamkeit. Einen Beitrag zur spanischsprachigen Horstmann-Rezeption liefert H. W. Gámez mit seinem Aufsatz „Aniquilación y extinción“. Im Zentrum steht der Vergleich mit Philipp Mainländer und Eduard von Hartmann: Wie gelangen drei Denker, die eine leidvolle Existenz negativ bewerten, zu unterschiedlichen Vorstellungen ihrer Überwindung?
Bei Mainländer deutet Gámez den Übergang zum Nichtsein als metaphysisch begründeten Prozess der allmählichen Abschwächung der Kräfte. Bildung, die Lösung der sozialen Frage und die Verwirklichung eines idealen Staates bilden dabei wesentliche Voraussetzungen für das Erlöschen der Menschheit. Bei Hartmann setzt Erlösung hingegen die kollektive Einsicht in die Vergeblichkeit des Wollens voraus. Ihr Ziel ist die Aufhebung des Weltwillens, weshalb weder individueller Suizid noch die bloße Beseitigung der Menschheit ausreichen. Horstmann erscheint demgegenüber als Denker einer technisch herbeigeführten Vernichtung allen Lebens, die keiner entsprechenden Bildungs- und Bewusstseinsentwicklung bedarf. Gámez unterscheidet deshalb zwischen „Aniquilacionismo“ bei Horstmann und „Extincionismo“ bei Mainländer und Hartmann. Sein tragender Befund lautet: Die gemeinsame Bevorzugung des Nichtseins macht die Wege dorthin weder philosophisch noch ethisch gleichwertig.
Dieser Vergleich schärft die Unterschiede innerhalb der pessimistischen Tradition, beruht jedoch auf einer problematischen Horstmann-Lektüre. Über dessen Position schreibt Gámez, „sein positiver Vorschlag ist klar und direkt“ (S. 126). Noch deutlicher heißt es: „Das Leben muss ausgelöscht werden, sobald wir den Gipfel unserer Zerstörungsfähigkeit erreicht haben“ (S. 133; beide Zitate aus dem Spanischen übersetzt). Damit behandelt er die apokalyptische Rede des Untiers weitgehend als philosophisches Vernichtungsprogramm. Die Frage, ob diese Rede ihre eigenen Voraussetzungen durch Übertreibung, Verkehrung und Ironie unterläuft, bleibt unterbelichtet.
Hier fällt der Aufsatz deutlich hinter den literaturwissenschaftlichen Erkenntnisstand der Forschung zu Horstmann zurück. Diese hat die Literarizität des Untiers, seine ironischen Verfahren und seine Einbettung in Horstmanns apokalyptisches Werk seit Langem herausgearbeitet. Auch die demonstrative Versicherung des Autors, es sei ihm ernst, kann Bestandteil einer Inszenierung sein und begründet keine verbindliche Auslegung. Wer Horstmann unmittelbar neben metaphysische Systemdenker stellt, muss deshalb zunächst klären, welchen Status seine vermeintlichen Lehrsätze besitzen.
Indem Gámez diese Frage vernachlässigt, nähert er sich dem Deutungsmuster der frühen Kritik an Horstmann als Vernichtungsphilosophen an. Die Nähe liegt in der wörtlichen Gleichsetzung von apokalyptischer Rede und weltanschaulichem Bekenntnis, auch wenn Gámez differenzierter argumentiert als manche damalige Polemik. Sein Forschungsbeitrag besteht in der Unterscheidung pessimistischer Erlösungsmodelle; seine Grenze liegt darin, Horstmanns literarische Inszenierung wie eine unmittelbar geltende philosophische Position zu behandeln. So erweitert der Aufsatz die spanischsprachige Rezeption, greift aber zugleich auf ein Verständnis des Untiers zurück, dessen Verkürzungen die Forschung längst offengelegt hat.
Quelle: H. W. Gámez: „Aniquilación y extinción“. In: Hénadas. Revista internacional de pesimismo filosófico, Nr. 5 (2025–2026), S. 117–136.
