Zwischen Melancholie und Makulatur. Ein nicht ganz vollständiges Gespräch zwischen Ulrich Horstmann, Klaus Steintal, Max Lorenzen und Frank Müller. (2001)

Ulrich Horstmann, Jahrgang 1949, geboren im westfälischen Bünde, promovierte 1974 mit der Arbeit „Ansätze zu einer technomorphen Theorie der Dichtung bei Edgar Allan Poe“. Anschließend Visiting Lecturer an der University of South Africa, Pretoria. Ab 1982 Professor für Englische Philologie an der Universität Münster. 1983 Habilitation („Ästhetizismus und Dekadenz“). Als Autor von Romanen, Hörspielen, Theaterstücken, Lyrik- und Aphorismenbänden der literarischen Schwarzarbeit ergeben. Hauptschrift: „Das Untier. Konturen einer Philosophie der Menschenflucht“ (1983). Zwei Bücher zum melancholischen Temperament. Herausgeber bzw. Übersetzer von Werken Robert Burtons, Jack Londons, Ted Hughes‘, James Thomsons, Oscar Wildes, Jonathan Swifts und Philipp Mainländers. Zahlreiche Essays und literaturkritische Rezensionen, u. a. in „Spiegel“, „FAZ“, „Zeit“, „Süddeutsche“, „Frankfurter Rundschau“, „Scheidewege“, „Wespennest“. Der 1985 von Günter Kunert mit dem Kleist-Preis ausgezeichnete Horstmann lebt heute in Marburg a. d. Lahn und lehrt als Professor für Amerikanistik und Anglistik an der Universität Gießen.

Max Lorenzen: Herr Horstmann, wir werden über Ihr Buch „Das Untier“ ausführlich sprechen, aber gestatten Sie bitte zunächst einige biografische Fragen. Auf der Autorenwebsite untier.de erfährt man einige Lebensdaten, jedoch nichts darüber, wie sich Ihre Ansicht, das menschliche, ja das organische Leben generell sei verfehlt und strebe danach, sich selbst abzuschaffen, gebildet hat. Würden Sie uns einen Einblick in Ihren intellektuellen Werdegang geben?

Ulrich Horstmann: Ich habe die interpretatorische Lufthoheit über das „Untier“ und die anderen von mir zu verantwortenden Unartigkeiten an meinen EIAUTHOREX (Einzig-autorisierten-Horstmann-Experten) Frank Müller abgetreten. Mit Rajan Autze hat er im letzten Jahr bei Igel „Steintal-Geschichten. Auskünfte zu Ulrich Horstmann“ vorgelegt, ein Wälzer, der mich u.a. davon überzeugt hat, daß ich es mit meiner damaligen ‚Streitschrift‘ so ernst nicht gemeint haben kann.

ML: Ulrich Horstmann äußert sich, wenn ich ihn recht verstehe, sehr entschieden zu einem alten Problem: kann ein Mensch in seine innerste Kammer, dort, wo er nicht umhinkommt, sich, solange er da ist, immer wieder selbst hervorzubringen, schauen? An diesem Ort, bildhaft gesprochen, entstehen ja vielleicht die vorsprachlichen Keime seiner individuellen Begriffe und Ideen. Wie sollte also ein Autor jemandem, einem Fremden, den Zutritt zu diesem Bereich der Inspiration gestatten und ihm solchermaßen Auskunft über den innersten Werdeprozess geben können, den er selbst nur erahnt? Wenn man somit bloß Vermutungen über sein eigentliches Ich anstellen kann, so stünde man wohl beinahe mit anderen, die sich für einen interessieren, prinzipiell auf derselben Stufe. Nein, Horstmann geht es ein wenig besser: er kann annehmen, dass es eine Person gibt, die ihn in dieser Hinsicht besser kennt, als er sich selbst, und das sind Sie, an den ich mich folglich mit meiner Frage wende. Sie lautet: Wo liegen die Ursprünge und Wegmarken einer nicht nur intellektuellen (denn darüber hätte der Mensch mir doch Auskunft geben können) Entwicklung, die zu der sich im „Untier“ dokumentierenden Haltung führte?

Frank Müller: Ich deute es als ein gutes Zeichen, daß der AUTHOR im EIAUTHOREX noch so deutlich erkennbar ist. Herrn Lorenzen möchte ich entgegnen, daß die Einsicht in die Ironiehaltigkeit des „Untiers“ nicht unbedingt zu den speziellen Nebenwirkungen der von R. Autze und mir verordneten Eigenbluttherapie gehört. Über eine so entscheidende Koordinate seines Werkes mußten wir Ulrich Horstmann nicht eigens belehren. Als erstes will ich daran erinnern, daß sich im Vorfeld der Streitschrift ausschließlich literarische und literaturtheoretische Arbeiten finden. Da begegnet uns zunächst eine Art literarischer oder literaturkritischer Aktivismus. In ihm äußert sich der Verdacht, daß die Kunst ihre gesellschaftlich-politische Funktion verloren hat und allenfalls in Form einer ästhetischen Renitenz überwintern kann. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb Horstmann auf einer unbedingten Autonomie der Kunst besteht und sie gegen jede wie auch immer geartete Vereinnahmung schützt. Jedenfalls wird das einschlägige Manifest des provozierenden, ja „ätzenden“ Dichters Theodor Weißenborn stichwortgebend für die von Horstmann und Jürgen Gross 1976 herausgebrachte Zeitschrift „Aqua Regia“. Nicht von ungefähr entstehen in diesem Klima auch die ersten apokalyptischen Arbeiten des späteren „Untier“-Autors. Herr Horstmann, würden Sie uns verraten, was Sie damals umgetrieben hat?

UH: Was mich umgetrieben hat, war eine anthropologische Mitgift: Sinnhunger. Der erzeugt Suchbewegungen wie bei einem Neugeborenen, das plötzlich ohne Nabelschnur auskommen muß. Moment, das Bild trifft nur teilweise zu. Im Kopf wird prompt überblendet – von der Säuglingsappetenz auf die erratischen Schwingungen einer in ihrer Sicherungsschleife hängenden Seidenraupe. Es sieht ziemlich zwangsneurotisch und verhaltensgestört aus, wie sie pendelt. Aber sie spinnt nicht, sie spinnt, wenn Sie verstehen, was ich meine. Als „Untier“-Autor war ich ein Spinner in diesem doppelten Wortsinn. Das Folgerichtige der Bewegungen ist erst post festum auszumachen, wenn der (weltanschauliche) Kokon Gestalt angenommen hat, zu dessen Feier mir irgendwann der Zungenbrecher ‚anthropofugal‘ über die Lippen gekommen ist. Over.

FM: Zu dieser Kontinuität gehört demnach auch, daß das Literatur-Labor schon nach der dritten Nummer schließen mußte und sich infolge der von Ihnen apostrophierten Zersetzungskraft auch die beiden Kleinzeitschriftenherausgeber in Wohlgefallen auflösten. Lassen Sie uns, bevor wir der Geburtsstunde des ‚Anthropofugalen‘ beiwohnen, noch ein wenig im Stadium des Vor-Untierischen verharren. Ich zitiere aus der Aphorismensammlung „Hirnschlag“, um den Lesern den Bezugspunkt Ihrer Ausführungen etwas zu verdeutlichen: „in Reih und Glied / dämmert Abgenabeltes / seinen Alpträu-men entgegen // Zwei Renitenten / wird in Glasvitrinen / der Lebensüberdruß ausgebrütet“. Diese Erfahrung des Ausgesetztseins visualisierte sich für die „Aqua-Regia“-Leser im Säuglingsportrait des ‚Alien‘-Zeichners H. R. Giger – nur daß dieser Nachwuchs an echtem Aussatz litt. Überhaupt pflegten Sie neben Ihren literarischen Umtrieben schon damals eine enge Beziehung zur bildenden Kunst, vor allem zur Malerei. Zu den Beiträgern der Zeitschrift gehörten der Konzeptkünstler Timm Ulrichs und sein Schüler Egbert von der Mehr, dessen Bilder sich auch immer wieder auf den Covern Ihrer Bücher wiederfinden. Die Flug- und Satellitengemälde des Wieners Wolfgang Sinwel stimmen in bemerkenswerter Weise mit der im „Untier“ eingenommenen ‚orbitalen‘ Perspektive überein. Inwiefern waren Ihnen diese Bilder beim Ausmalen Ihres Weltbildes behilflich?

ML: Man schaut also auf einem Umweg in sich hinein und erkennt sich eher in einer Wortfügung oder Namensgebung wieder, die auf ihre Weise den Rhythmus der Inspiration bezeichnet. Die schwingenden Bewegungen der Seidenenraupe bringen etwas hervor, das sie selbst nicht kennt und sind doch von diesem erst entstehenden ‚Werk‘ gesteuert. Der Impuls, es, den Kokon, zu schaffen, drückt folglich eine innere Notwendigkeit aus, die von äußeren Gegebenheiten nur behindert oder begünstigt, nicht aber in eine gänzlich andere Richtung geführt werden kann. Wer schreibt, wie die Raupe spinnt, erkennt dann womöglich, anders als sie, in einem abschließenden Moment, was er gemacht hat. Selbsterkenntnis: der eigenen Gedanken in nuce, verwandelt sich mithin in den feierlichen Akt einer Taufe, die den Prozess der Hervorbringung recht eigentlich abschließt. Aber wie hängen die Schöpfungen eines solchen Menschen-Tieres, das eigentlich ein Zwitterwesen ist, weil es gleichermaßen unbewusst, wie bewusst produziert, mit der Welt, über die sie doch etwas aussagen wollen, zusammen? Ihre Aufgabe, Herr Horstmann, lautet also meine Frage aufzunehmen, indem Sie zugleich auf diejenige Frank Müllers antworten. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei dem Versuch, Innen- und Außenwelt zusammenzubringen. Einen schönen Sonntagnachmittag!

UH: „Feierlicher Akt einer Taufe“? Och ja, sind wir in der Literatur oder in der Kirche? Ich will in meinem Metier nicht würdevoll reden, lieber mit vollem Mund, egal ob Aqua regia oder Absinth (gibt’s wieder!) im Taufbecken war. Und wer wie ich auf Buchmessen und bei Lesungen keine Kumpel findet, der wirft sich bei Vernissagen oder in Ateliers eben diesen kunstabhängigen Artgenossen an die Brust, die wie man selbst in Bildern denken und nach der letzten Ölung firnissen, was das Zeug hält. Es ist Ihnen schon schmerzlich bewußt geworden – ich reagiere nicht paßgenau. Das ist nämlich die liebenswerte Eigenschaft von Puzzleteilen. Und die können Sie zwanzigmal zusammensetzen; auch wenn ein Kunstwerk drauf ist, wird keins draus. Es fehlt der Eigensinn. Wen er dagegen umtreibt, der verliert den Ehrgeiz, ein Weltmeister werden zu wollen, der an einem Sonntagnachmittag innen und außen und oben und unten zusammenbolzt. Ihr Einwurf!

FM: Mit der Hoffnung auf eine Zusammenführung von Innen- und Außerwelt ist Herr Lorenzen bei Ihnen natürlich an der falschen Adresse. Ich denke nur an die literarischen Arbeiten zum erkenntnistheoretischen Solipsismus. Da geht es ja um das genaue Gegenteil von Übereinstimmung und Deckungsgleichheit! Hörspiele wie „Gedankenflug“ oder „Kopfstand“ (letzteres eine Auseinandersetzung mit Berkeleys „Versuch über eine Theorie des neuen Sehens“) wollen gerade auf das Eigenleben des ‚konstruktiv‘ Wahrgenommenen bzw. des Fiktiven hinaus, nicht auf dessen Einpassung in eine wie auch immer verstandene Realität. Das Stichwort, von dem ich mir auch im Hinblick auf das „Untier“ Aufklärung verspreche, lautet deswegen – Verdoppelung. Das kann, wie eingangs angedeutet, als ein Verschleifen der Gattungsgrenzen zwischen Literatur und Wissenschaft geschehen. Als jener Kunst-griff also, den Sie mit Blick auf Philipp Mainländer als „Repoetisierung des Nachdenkens“ beschworen haben. Dazu gehört gewissermaßen als Auftakt, daß Sie Ihre ersten Hervorbringungen nicht unter eigenem Namen, sondern unter Pseudonymen (zuerst Ulrich Vanderhurst, später Klaus Steintal) veröffentlicht haben. Drei dieser Texte wurden dann in die Bücher „Wortkadavericon“, „‚Er starb aus freiem Entschluß'“ und „Steintals Vandalenpark“ hinübergezogen. Ich lese das wie auch den Aufbau der Arbeiten selbst als einen Versuch der Verkapselung, der Maskierung, des Ozillierenlassens der Vorder- und Hintergründe. Die meisten Ihrer Bücher entpuppen sich bei genauer Betrachtung als Doppelgängergeschichten, in denen ein zweites Ich in den Genuß des Privilegs kommt, die ungeschminkte, und das ist eben die ‚menschenflüchtige‘ Wahrheit auszusprechen. Wie lebt es sich mit einem Zwilling wie Steintal, der ja in Ihrem Werk eine Art Eigenleben führt, unter demselben Schädeldach?

ML: Herr Horstmann, selbst durch den schönsten Eigensinn wird ein Puzzle noch nicht zum Kunst-werk. Das mit dem ‚Innen‘ und ‚Außen‘ war offenbar ein Missverständnis. Gemeint war nur, dass meine Frage eher auf die inneren, und die von Frank Müller auf die äußeren Bedingungen ästhetischer Produktivität zielt. Sie reagieren nicht passgenau (das schmerzt mich gar nicht), aber offenbar doch nach einer Devise, so à la ‚Angriff ist die beste Verteidigung‘ – wenn Sie jedoch gar nicht angegriffen werden, wird eine solche Reaktion leicht zum Puzzleteil, folglich gewissermaßen normiert: Ihr Problem, nicht meins, ich will keine Tore schießen. Zwei kleine Fragen hätte ich: bekommen Ihnen denn die harten Schnäpse noch (wir sind ja beinahe im selben Alter und ich musste da etwas vorsichtig werden); ist das „Untier“ nicht in erster Linie ein philosophisch argumentierendes Buch?

Klaus Steintal: Wird aber auch Zeit, daß ich ins Spiel komme, Herrschaften. Ein Interview ohne die Hauptperson, und keiner merkt was! Also: Steintal hier, Klaus Steintal. Der Mann, der Geschichten macht, der sich abstrampelt, der das ausbaden muß, was hinter den Titelseiten passiert. Gut, es steht Horstmann drauf, der hat die Stirn. Aber es ist Steintal drin. Und der Tag wird kommen, wo ich ein für allemal klarstelle, wer hier wessen Pseudonym gewesen ist. Bis dahin sind wir natürlich die besten Kumpel, ein Herz und eine Seele, das belletristische Joint venture par excellence und was der sonst noch so hochgurgelt, der Escorial-Grüne.

UH: Ich trinke, was mir paßt. Und ich verlange, daß diese Einlassungen gestrichen werden. Niemand kann mir zumuten, ein Gespräch zu führen, bei dem eine literarische Figur dazwischenredet, die ich geschaffen habe.

KS: Westentaschen-Pirandello!

UH: Darf ich mich kurz rückversichern? Wir sind uns einig, daß dieser Querulant gestrichen wird, meine Herren?

FM: Ich gebe damit hoffentlich kein Geheimnis preis: Nachdem Horstmann eine Ausgabe der druckfrischen „Steintal-Geschichten“ zugegangen war, brachte der Postbote eine Flasche Escorial Grün, ein hochtourendes Lösungsmittel, von dem ein einziges Glas ausreichend war, um die eine Hälfte der Steintal-Forscher für zwei volle Tage außer Gefecht zu versetzen. Ich vermute aber, daß Horstmann im wirklichen Leben Temperenzler ist. Jemand, der sich am literarischen Destillat stärker berauscht als an den genannten Rohstoffen. Wer das nicht glauben will, der lese einmal den „Kunsttrinker“-Essay (enthalten in der Essaysammlung „Abdrift“). Noch einmal zur Verdeutlichung: Steintal geistert zu dieser Zeit durch sämtliche Hörspiele und durch einige Theaterstücke hindurch. Im Prosaband „Konservatorium“ übernimmt er Herausgeberpflichten, in der Habilitationsschrift (deren 7. Kapitel von der „Prototheorie der anthropofugalen Moderne“ handelt) steht er Horstmann als Korrekturleser zur Seite. Und im „Vandalenpark“ vernehmen wir aus Steintals Mund Sätze, die genauso im „Untier“ stehen könnten, nämlich daß das Ziel allen Handelns letztlich in der Aufhebung menschlichen Leidens zu suchen ist. Und daß, wer Qual und Leid ausrotten will, zunächst ihren Verursacher, also den Menschen, ausrotten muß. Es gibt demnach – so steht in den „Nachgedichten“ – eine „anthropofugale Kunst“, eine Gattung also, die sich den Weltuntergang zusammenreimt, sich mit ihm fiktiv und unter Verwendung ästhetischer Mittel auseinandersetzt. Dafür spricht u. a., daß Horstmann den Begriff des Anthropofugalen selbst in der Auseinandersetzung mit der Literatur, genauer, mit der Science-Fiction-Literatur erfindet. Darum haben in meinen Augen Ansätze keine Berechtigung, die Poesie und Philosophie naßforsch aueinanderdividieren – in beidem ist ja Steintal drin, mal mehr, mal weniger aufdringlich! Herr Horstmann, wie hat man sich die Verschränkung der unterschiedlichen Diskurse vorzustellen? Existiert da ein Vermittlungsprozeß (ein dämliches Wort, da es bereits Trennung voraussetzt)? Oder funktioniert das nach Art des Frontalzusammenstoßes, wo es ja nur in den seltensten Fällen Überlebende gibt? Und wie lauten die wissenschaftlichen Mangelerscheinungen, denen Sie so entgegenarbeiten?

UH: Danke für die unaufgeregte Rekapitulation der Doppelgängerexistenz. Da will ich mich auch zusammennehmen und mit den Prozenten herunterfahren. Aber erklären kann ich wenig. Es ist wie der ‚Feldwebel‘ beim Bier. Er entsteht eben, wenn man sich nicht allzu zögerlich einschenkt. Und Steintal ist so ein Schaumschläger, die Krone der Fiktionen. Im Grunde Luft …

KS: … im Unschuldsweiß …

UH: Erwischt! Jawohl, ein zwanghafter Weißwäscher seiner selbst, sage ich dem Herrn ins Janusgesicht, so wissenschaftlich und emotionslos, wie es eben geht.

ML: Schön, lieber Herr Steintal, dass Sie nun auch dabei sind. Ich darf Sie etwas vertraulicher anreden, immerhin haben wir uns ja, vor diversen Jahren, persönlich kennen gelernt: Sie erinnern sich, Sie nahmen an einem Kongress teil, wir trafen uns in einer Kneipe und tauschten, schon ziemlich alkoholisiert, in bester Laune zutiefst melancholische Ansichten über das Leben aus. Keine Angst also, ich werde in keinem Fall einwilligen, Ihre Auslassungen zu streichen, sondern freue mich darüber, mich direkt an Sie wenden zu können. Seit damals, als Sie mir Ihre Kernthesen des „anthropofugalen Denkens“ vortrugen: „die Menschheit müsse sich in die Luft sprengen, sonst werde nie Schluss sein auf diesem Planeten mit dem Gemetzel“, kam es mir manchmal in den Sinn, dass das Ausbleiben des Endes Sie doch in eine gleichsam vertiefte Art der Melancholie stürzen müsste? Was gibt es Schlimmeres, als dass das Leben verdammt ist zu sterben, aber diesen Tod nicht richtig hinkriegt, sondern ihn immer überlebt? Eigentlich, fällt mir ein, ist eben das doch Ihre Existenzbedingung schlechthin. Ihr Autor lässt sie krepieren und dann doch, im nächsten Stück, wieder mitmachen. Sie sind also ein existenzieller Sterber. Wie lebt es sich, den Tod hinter und das Leben vor sich und umgekehrt? Benötigt man nicht eine ganz besondere Dosis Schwermut, um das zu überstehen? Muss man dazu nicht schon als Selbstmörder angefangen haben? Grüßen Sie ruhig, bei Gelegenheit, Ihren Halbbruder im Geiste, der immer Sie ins Feuer schickt.

KS: Da liegt eine Verwechslung vor; ich bin Konferenzflüchter. Und was die Rolle von Horstmanns Dummy angeht, die Sie mir auf den Astralleib schneidern wollen, so stehe ich nicht zur Verfügung. Ich lasse mir keine Vorschriften machen, sondern komme und gehe nach den eigenen Gesetzen. Durch den Tod. Durch das Leben. Durch Makulatur und Melancholie. Durchs Internet und durch das, was von euren großen Fischzügen übrigbleibt. Wer mir begegnet, darf sich glücklich schätzen. Wer meinen Namen nennt, der hat seine Heimatadresse angegeben.

FM: Herr Lorenzen spielt in seinem letzten Beitrag darauf an, daß Sie, Herr Horstmann, sich in einer Kunstfigur wiedererkennen, deren Texte (in Wirklichkeit sind es Ihre eigenen) einen „Erfahrungsprozeß existenziellen Verschwindens“ dokumentieren, und die auch sonst durch Abwesenheit glänzt. Klaus Steintal, dessen Lebensdaten Sie auf 1949 bis 1968 datieren, starb bei einem von eigener Hand herbeigeführten Verkehrsunfall in den Trümmern seines Wagens – so weit der Klappentext von „‚Er starb aus freiem Entschluß'“. Vielleicht sollte ich noch ergänzen, daß schon die Herausgeber von „Aqua Regia“ (Nr. 3) ihre Beiträger zum Verfassen von Texten ermuntern, die bewußt als Grenzbege-hungen angelegt sind: „viten, dokumentarisch bis fiktional. hierbei ist zu denken an kurz(auto)biografien, die den allenthalben anzutreffenden biografischen angaben, lebensläufen, personalakten, leichenreden usw. nachempfunden oder äußerlich ähnlich sind.“ Auf diese Weise entstehen Strohmänner, Pappkameraden, Unpersonen. Zu einem Reisenden in Sachen Melancholie wird Steintal durch seine zeitliche Entrückung: Er blickt als Toter, als „Mumie aus der Zukunft“ auf die Welt der Lebenden. So wird eine Bewußtseinslage simuliert, in der die Gegenwart bereits von den Vorzeichen des Endes überschattet wird. An so einer Welt kann man nicht mehr festhalten. Man kann ihr nur im Modus des Abschiednehmens begegnen, sich von ihr lösen. Und man kann sie zum Kunstwerk erklären, indem man die „Schönheit der Menschenleere“ preist. Auch in vielen anderen Arbeiten Horstmanns finden sich diese „anthropofugalen“, da die herkömmliche Sicht auf die Dinge relativierenden Zeitsprünge, Zeitschleifen oder temporalen Aporien. Sie ergänzen gewissermaßen die räumlich-orbitale Fluchttendenz. Bevor wir darauf eingehen, ob und in welcher Weise sich das auch im „Untier“ fortsetzt, bitte ich Herrn Lorenzen, kurz den Argumentationsgang des Traktats zu referieren. Was gibt es an dieser Schrift aus philosophischer Sicht auszusetzen? Herrn Horstmann möchte ich gerne zum Verhältnis von schwarzer Galle und Apokalyptik befragen. Unter welchen Umständen vermag der Schwermütige derart hochexplosive Energien freizusetzen?

ML: Nun, Herr Steintal, Sie täuschen sich: Sie waren auf einer Konferenz (dokumentiert in: „Steintals Vandalenpark“); und Sie haben mir die Grundthesen des „anthropofugalen Denkens“ referiert. Der Beweis: ich kann sie kurz rekapitulieren, und mache damit auch gleich die mir von Herrn Müller aufgegebene Hausaufgabe: „Das Leiden kann sich nur durch seine Totalisierung aufheben“ (Untier, Suhrkamp, S. 104). Wir, die Menschheit schlechthin, sind ein Teil des organischen Prozesses, der sich nur durch Qual perpetuiert. Es gibt, anders als bei Schopenhauer, keine vorstellbare Erlösung. Vielmehr kann bloß eine, durch die moderne Waffentechnologie möglich gewordene, materielle Auslöschung „das Rad der Generationen“ (ebda.) zum Stillstand bringen. Im Grunde fliehen wir dieses Ende nicht, es lockt uns sogar an: „Vielleicht ist der Vernichtungs- und Selbstzerstörungswille des Menschen überhaupt nur die höchste und erstmals zum Bewusstsein seiner selbst gelangte Manifestation eines Urimpulses und Protoinstinkts, der allem Lebendigen innewohnt und es in seinen Untergang treibt“ (S. 86, Einleitung des Referats der „Todestrieb“-These Freuds). So etwas wie Sinn oder Wahrheit gibt es nicht, solche Begriffe sind nichts mehr als „Kokons“ (s. den Anfang des Gesprächs oder auch den Nietzsche-Essay in „Abdrift“), die wir, um uns selbst zu täuschen, produzieren. Auch wer ein Bild des Endes allen Lebens antizipierend entwirft und sich so aus allen Zusammenhängen des Daseins heraus- und in die Kälte der „white logic“ (Jack London, s. „Abdrift“) begibt, erlangt so keineswegs den Zugang zu einer höheren Wahrheitssphäre: die melancholische Kraft des „anthropofugalen Denkens“ muss sich selbst ironisieren, um nicht in ontologische Tatsachenbehauptungen umzuschla-gen. Wer philosophiert, heißt das, sollte seinen Doppelgänger kennen. Das „Untier“ enthält folglich keinen eigenen Entwurf, keine originäre Idee der Existenz, aber es reflektiert deren Unmöglichkeit mit einer solchen sprachlichen Präzision, dass man diesen Essay wahrscheinlich in eine Reihe mit den großen skeptischen oder melancholischen Werken, von Montaigne über d’Holbach und natürlich Schopenhauer bis zu Cioran, der Philosophiegeschichte stellen muss. Ich stelle weiter keine Frage, da sie ja doch nicht beantwortet wird. Ein Gespräch ist das nicht.

UH: Den Nagel auf den Kopf getroffen, lieber Herr Müller, und Steintal ins Herz! So spricht der wahre EIAUTHOREX. Ich habe auch keine Probleme, verehrter Herr Lorenzen, bei Interviews nicht neun Zehntel [bezieht sich auf eine besorgte Frage, ob die Beiträge von Lorenzen und Müller nicht, gemessen an den Antworten Horstmanns, zu lang seien] der Textmasse abzusondern. Warum soll man zur Abwechslung nicht einmal umgekehrt verfahren. Mehr noch, ich kann mir vorstellen, noch ein paar Jährchen einer Rezeptionsgeschichte, einem – wie Odo Marquard sagen würde – transzendental-belletristischen Selbstläufertum zuzusehen, in dem ich als empirische Größe gar nicht mehr gefragt bin. Die „hochexplosiven Energien“ von schwarzer Galle und apokalyptischen Ahnungen sind nämlich nicht beliebig erneuerbar. Jedenfalls nicht in einem einzigen Menschenleben. Die eisernen Reserven, wenn es bei brisanten Mixturen überhaupt so etwas gibt, habe ich in den letzten zehn Monaten in einen Roman eingespeist. Nicht auszuschließen, daß danach das Pulver verschossen, der Ofen aus ist. Und das geht in Ordnung so. Die Liebesperlen der Götter werden aus Schlacke gemacht.

KS: Meine Rede. Ende der Durchsage.

FINIS

Der Unterhaltung wurden zwei Schlußbemerkungen angefügt, die zugleich zwei emotional wie intellektuell unterschiedliche Reaktionen auf ihren vorzeitigen Abbruch dokumentieren.

ML: Das Ende dieses Gesprächs, das keines ist, ist so abrupt, wie sein Verlauf holprig. Horstmann hat sich, so scheint es mir, konsequent entzogen, vielleicht unter anderem, um den Versuch seiner Mitdiskutanten, sich auf seine Volten einzustellen, dann auch Inhalte und Argumente ins Spiel zu bringen, als „transzendentalbelletristisches Selbstläufertum“ abqualifizieren zu können. Ich wollte aber gar nicht das Werk Horstmanns deuten, sondern gleichberechtigt mit ihm diskutieren: das ist gescheitert. Mag sein, dass ich in eine Falle gegangen bin. Dann ist eben auf diese Weise ein Porträt des „literarischen Schwarzarbeiters“ und Professors entstanden, das immerhin an manchen Stellen, glaube ich, amüsant zu lesen ist.

FM: Klaus Steintal hat das letzte Wort, Spekulationen über das vorzeitige Ende sind also eigentlich unnötig. Waren die mitgebrachten Erwartungshaltungen übertrieben, die Vorbereitung ungenügend, die Spielräume für das im Gesprächstorso dokumentierte Antwortverhalten zu gering? Oder lag es daran, daß der Marburger Freischwimmer sich mit „Kabel-Jau und Hai-Tech“ nur widerwillig im selben Bassin herumtreibt und als Doppelkopf ohnehin zu sehr in Selbstgespräche vertieft war? Und wer konnte ahnen, daß sich der Mann in einem neuen Roman (wird von mir schon ungeduldig erwartet!) leergeschrieben hat und im Interview sozusagen schon auf Reserve fuhr? Mir widerstrebt es, Schuldzuweisungen vorzunehmen, zumal der auf diese Weise entstandene Text sicherlich von einigem Interesse sein dürfte. Der Leser begreife ihn als Aufforderung, Horstmann eigenständig weiterzulesen.

Online-Publikation 2001, philosophia-online.de (Nicht mehr verfügbar)