Wir bewohnen einen Hinterhof. Ulrich Horstmann im Gespräch mit Rolf Löchel. (1999)

Ulrich Horstmann, Professor für Anglistik in Gießen, ist seit fünfzehn Jahren einer der produktivsten Grenzgänger zwischen wissenschaftlicher und poetischer Rede. Philosophische Werke gehören ebenso zu seinen Œuvre wie Hörspiele, Theaterstücke, Gedichte, Aphorismen oder Essays. Selbstverständlich veröffentlicht er nebenbei auch Untersuchungen zur englischsprachigen Literatur.

Sein beim Publikum bisher erfolgreichstes Werk „Das Untier“ erschien bereits 1983. Hier zeichnet Horstmann mit der scharfzüngigen Eloquenz des Apokalyptikers und Nihilisten die „Konturen einer Philosophie der Menschenflucht“ und beschwört die „Hoffnung auf die Katastrophe, den Untergang, das Auslöschen der Spuren“. Seit 1985 wird der schmale originelle Band vom Essay „Der lange Schatten der Melancholie“ begleitet und ergänzt, das zwar nicht die umfassende Gelehrsamkeit des Klassikers „Saturn und Melancholie“ (R. Klibanski, E. Panofski und F. Saxl) zu entfalten vermag, dafür aber an der Innenansicht der Melancholie teilhaben läßt. Ebenfalls 1985 ist der satirische Science Fiction-Roman „Das Glück von Omb`assa“ erschienen. 1991 folgt die nihilistische Essaysammlung „Ansichten vom Großen Umsonst“, als Buch so unterhaltend und amüsant wie nachdenklich stimmend.

Aus der Fülle seiner Publikationen Horstmanns seien noch der in den letzten Jahren publizierte Gedichtband „Altstadt mit Skins“ (1995) und die kulturkritisch gestimmte Aphorismensammlung „Einfallstor“ und – last not least – die 1998 erschienene Studie „Jeffers-Meditationen“ genannt, die über den beinahe noch zeitgenössischen, in England und den USA trotzdem fast schon vergessenen und hierzulande nie richtig rezipierten Lyriker Robinson Jeffers reflektiert, den bereits Botho Strauß in seinen „Fragmenten der Undeutlichkeit“ (1989) gewürdigt hat.

1988 wurde Ulrich Horstmann mit dem Kleistpreis ausgezeichnet.

Zum Zeitpunkt des per Email geführten Interviews nahm er eine Gastprofessur in Milwaukee wahr.

 

Rolf Löchel: Herr Horstmann, was ist eigentlich so schlecht an der schlechtesten aller möglichen Welten? Und wäre denn die Beste aller möglichen auch nur um einen Deut besser?

Ulrich Horstmann: Auftritt im Superlativ? Eine fixe Idee des Alls, um die ich es nicht beneide. Wir, die Bewohner eines Hinterhofes, haben keinen Anlaß, uns zu überheben. Aber daß ein Slum ein Slum ist, wird man sich doch eingestehen dürfen.

RL: Gehört der Slum denn nun einfach niedergewalzt, bis nichts mehr da ist, wie Ihr frühes Buch „Das Untier“ nahezulegen scheint, oder wäre er nicht doch den Versuch wert, ihn zur komfortablen Wohngegend umzubauen?

UH: Die Kunst saniert und planiert nicht. Sie blickt sich um, hält fest, prägt ein. Ich überlasse Ihnen gern die Herstellung der besseren Welten, wenn ich mich nur in diesem gnostischen Behelfsheim umtun und sattsehen darf.

RL: Ihr Buch klingt dagegen sehr nach einem Plädoyer für einen gründlichen Einsatz der Planierraupe. Mir lag eben die Frage auf der Zunge, ob das dort propagierte „anthropofugale Denken“, die „Philosophie der Menschenflucht“, wirklich eine Philosophie ist, oder vielleicht doch eher ein Lebensgefühl, eine Befindlichkeit am Ende gar bloß. Nun legt Ihre Antwort aber nahe, daß es sich weder um das eine, noch um das andere, sondern um ein Kunstwerk handelt – um l’art pour l’art und Kontemplation?

UH: Ja, um ein Gedankenspiel, um Eventualphilosophie, die Vorwegnahme des letzten Ausdrucks der Sinnmaschine unter der Schädeldecke. Mich hat interessiert, mit welchen Erklärungsmustern das philosophische Denken wohl auf den Erduntergang reagieren würde. Da diese ‚Rationalisierung‘ in Ermangelung überlebender grauer Zellen post festum nicht mehr stattfinden kann, muß man sie imaginativ vorwegnehmen – und gerät damit automatisch ins Niemandsland und zwischen die Fronten zweier Geisteshaltungen.

RL: Die da wären?

UH: Die mit dem Realitätsprinzip jonglierende belletristisch-frivole Mentalität und die ihm ausgelieferte grüblerisch-zerebrale.

RL: Haben Sie sich Ihre auf ein „nukleares Nirwana“ gerichtete Zuversicht über anderthalb Jahrzehnte hinweg bis zum anstehenden Ende des Milleniums bewahren können?

UH: Auf die Abbruchbirne, die wir mit uns herumtragen, ist Verlaß.

RL: Sie sehen den Sinn und das Ziel der Geschichte also nach wie vor darin, daß das Untier, dem Sie den Euphemismus „Mensch“ verweigern, sich selbst aus der Welt und diese möglichst gleich mit aus dem All schafft?

UH: Auch das „Untier“ hat eine andere Seite, die erste nämlich, und darauf steht als Motto ein Pascal-Zitat. Für den Fall, daß Sie es überlesen haben – es geht um die innige Beziehung zwischen Spottlust und Philosophie oder, wie der sprachgewaltige Akademiker unserer Tage formuliert, um die Heuristik des schwarzen Humors.

RL: Das Lachen angesichts des Galgens? Allein mit dem Ziel interesselosen Erkenntnisgewinns? Mir schien ihr Buch, trotz aller Härten des Humors, immer auch ein Werk hoffnungsfrohen Einverständnisses mit dem Gang der Weltgeschichte zu sein.

UH: Die Weltgeschichte ist Analphabetin.

RL: Wäre es denn überhaupt weiter von Belang, wenn der Schimmelüberzug, von dem Schopenhauer sprach, auf einer einzigen dieser zahllosen Kugeln im All endlich abgekratzt wäre?

UH: Wenn der Schimmel sich dank der Einflüsterungen eines Herrn Leibniz und seiner Epigonen für Samt zu halten beginnt, dann schon.

RL: Aufgrund seiner Hybris? Das klingt ja dann doch eher nach Strafe als nach der Erlösung, die Ihr Buch zu versprechen scheint. Davon abgesehen würde mir da auch das ein oder andere strafwürdigere Vergehen einfallen. Aber meine Frage zielte auf etwas anderes, nämlich die naheliegende Vermutung, daß ungeachtet all unserer gemeinsamen Anstrengungen den Hinterhof zu reinigen, der Schimmel in den Vororten und Metropolen fleißig weiter wächst.

UH: Noch einmal mit Nachdruck: ich bin Literat und kein Kammerjäger und halte es deshalb für unfein, Bildern mit den Fungiziden der Abstraktion zu Leibe zu rücken.

RL: Der postmoderne Vorhalt, eine der obsolet gewordenen soteriologischen Metaerzählungen erneut zu ventilieren, würde Sie wohl kaum beeindrucken. Wurde das Ende der Metaerzählungen zu Unrecht eingeläutet?

UH: Die Geschichte vom Ende der Metaerzählungen ist doch selbst eine.

RL: Mal angenommen, dem wäre so. Trotzdem führt eine Kritik nicht unbedingt schon der Umstand ad absurdum, daß sie auch auf sich selbst zutrifft.

UH: Aber es reist sich furchtbar holprig in der Retourkutsche, das glauben Sie mal!

RL: In der Sie es sich aber gerade bequem machen wollten.

UH: Nein, nein, in dem Vehikel sitzen die Angsthasen, die vor den Großen Geschichten davonrumpeln.

RL: Vom Dreigestirn der Schopenhauerschüler Bahnsen, Hartmann und Mainländer bevorzugen Sie Mainländer. Was macht seine „Philosophie der Erlösung“ attraktiver als Bahnsens „Realdialektik“ und Hartmanns „Philosophie des Unbewußten“?

UH: Mainländer hatte einen Einfall. Und dadurch werden Leute für mich unwiderstehlich. Was wäre, ging ihm eines Tages durch den Kopf, wenn die Welt kein Schöpfungs-, sondern ein Erschöpfungsprodukt darstellte? Wenn sie als universales Energievernichtungssystem Gott dazu befähigte, seine Omnipotenz und seine Ewigkeit loszuwerden? Plötzlich machte die allgegenwärtige Vernichtungswut Sinn; Nova-Explosionen und Blattlausüberfälle besäßen einen gemeinsamen Nenner. Mainländer hat diese faszinierende Idee des lebensmüden Demiurgen zu einer Metaphysik der Entropie ausgebaut; und auch noch mehr als hundert Jahre später begreift kaum jemand ihre Brisanz. Die Zunft, die uns hätte wachrütteln müssen, hat Mainländer verschlafen.

RL: Wachrütteln, warum eigentlich? Besteht denn Grund, Alarm zu schlagen, ist irgend etwas nicht in Ordnung? Oder andersherum: Kommt nicht, was nicht in Ordnung ist, der Kosmos nämlich, im Zuge der entropischen Chaotisierung endlich in Ordnung? Aber eigentlich hatte ich mit meiner Frage gehofft, Ihnen ein positives Wort über Bahnsen zu entlocken.

UH: Wachrütteln, weil eine Idee, ein Einfall, eine Intuition etwas Seltenes und Kostbares ist. Zählte man die lichten Momente der Gattung zusammen, käme dabei wohl nicht einmal ein Menschenleben heraus. – Bahnsen leuchtet mir im Gegensatz zu Mainländer eben nicht ein.

RL: Aber trifft Mainländer, und auch Sie selbst, nicht das über Schopenhauer gesprochene Verdikt Horkheimers, letztlich doch Optimist zu sein, da das Leiden ewig währt? Ein Vorwurf, den man Bahnsen schwerlich wird machen können, und auch Hartmann nicht in dem Maße.

UH: Die Pessimisten, hat der polnische Aphoristiker Stanislav Lec einmal gesagt, sparen sich ihren Optimismus für schlechte Zeiten auf. Dem habe ich angesichts der inzwischen reichlich kleinlauten Reparadisierungsanstöße der Kritischen Theorie nichts hinzuzufügen.

RL: Ist Mainländers persönliche Konsequenz aus seiner Philosophie, der Vollzug des Suizids, tatsächlich eine philosophisch begründbare Option? Oder ist er nicht vielleicht doch in jedem Fall nichts weiter als Ausdruck einer pathologischen Persönlichkeitsstörung, die es zu behandeln gilt?

UH: Krankschreiben kann man Mißliebige und philosophische Querköpfe leicht. Seltsam nur, daß die meisten ein ungleich längere ‚Halbwertszeit‘ haben als ihre Irrenärzte.

RL: Genauer gefragt: Ist der Suizid mit dem Gros der Philosophen zu verdammen, zulässig, wie etwa die Stoiker oder Hume erklärten, anzuraten, wie manche Stellen bei Casanova nahelegen oder gar notwendig zu vollziehen, wie Mainländer uns vormachte?

UH: Das Faktum des Selbstmordes setzt mir ungefähr so zu wie das Faktum der Zangengeburt.

RL: Es gibt da aber doch zwei kleine Unterschiede: Bei der Zangengeburt zwingt jemand einen anderen in die Welt, beim Suizid ist es der betreffende selbst, der sich aus ihr befreit.

UH: Mir kam es eher auf die große Gemeinsamkeit an, das Gewaltsame des Transits.

RL: Besagte Unterschiede spielen für Sie hingegen keine Rolle?

UH: Ich achte die Fahnenflüchtigen und solidarisiere mich mit den Zwangsrekrutierten.

RL: Seit vor 15 Jahren „Das Untier“ erschienen ist, haben Sie Ihrer „Philosophie der Menschenflucht“ weder etwas grundlegend Neues hinzugefügt, noch haben Sie sie in wesentlichen Punkten revidiert, sondern nur durch einige Parerga und Paralipomena ergänzt, wie etwa die „Ansichten vom Großen Umsonst“. Ist der eine Gedanke gedacht und das letzte Wort, von einigen Marginalien abgesehen, gesprochen?

UH: Das „Untier“ war ein letztes Buch und, da der Markt der Überbietungslogik gehorcht, erfolgreich und ruinös zugleich. Der Debütant Horstmann kam danach nie mehr richtig ins Geschäft, denn das verlangte nach einem apokalyptischen Wiederkäuer. Mein Glück! So viele vorletzte Gedichte, Aphorismen, Essays sind noch zu schreiben. Die Welt verschwimmt einem vor den Augen, wenn man darüber nachdenkt.

RL: In Ihrem letzten vorletzten Buch, einem Aphorismenband, bezeichnen sie den Aphoristiker als „Einfallstor“. Ist Ihnen der Aphorismus die Ausdrucksform des kurzatmigen Denkens?

UH: Im Gegenteil, zu einem Aphorismenband gehört Durchhaltevermögen und ein gerüttelt Maß an Selbstdisziplin. Die Glühwürmchen vor meiner ‚porch‘ hier in Milwaukee feuern jeden Abend. Glanzvolle Ligaturen. Hinter dem Fliegengitter wird der Zuschauer blaß vor Neid.

RL: Liest man die dort versammelten Aphorismen und vergleicht sie mit dem „Untier“ oder den Essays vom „Großen Umsonst“, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß an die Stelle des erwartungsfrohen Nihilisten und Apokalyptikers der kultur- und zeitkritische Aphoristiker getreten ist.

UH: Ich erkenne mich immer noch wieder. Man muß sich, wie soll ich sagen, auskomponieren können.

RL: Auch das hohe Lied der Melancholie, daß Sie einst angestimmt hatten, ist bis auf einzelne letzte Töne verklungen, die nur noch leise in einigen Aphorismen nachhallen. Sie scheinen aus ihrem langen Schatten getreten zu sein. Sind auch Sie gescheitert an ihr, als einer von denen, die über sie nachdachten?

UH: Gekonnt und stilvoll zu scheitern, mehr kann sich ein Mensch nicht wünschen. Wen die Götter strafen wollen, den teeren und federn sie mit Erfolgen.

RL: An der Melancholie scheitern, sich aber mit wohligem Gefühl gelegentlich die schwarze Sonne auf den Bauch scheinen lassen? Dafür hätte der Autor des „Versuchs über ein angeschwärztes Gefühl“ doch sicher nur eine spöttische Bemerkung übrig gehabt.

UH: Daß ein früheres Ich sich über mich lustig macht, damit kann ich leben. Schließlich verkommt man unmerklich, wenn man älter wird. Die Tragödie beginnt mit dem umgekehrten Vorgang, dem Dünkel der ‚Reife‘, die kopfschüttelnd über die Schulter zurückblickt und Streit mit einem jüngeren Alter ego sucht.

RL: Lassen sie mich noch ein anderes Thema ansprechen: Sie beklagen die gegenwärtige „Auszehrung“ der Philosophie, die die „Kadaverisierung von Sinn als Befreiung vom Logozentrismus“ feiere. Der Postmoderne können Sie nichts abgewinnen?

UH: Lasset die Toten ihre Toten begraben. Die Spätscholastik hatten wir schon, und die postmodernen Wiederholungstäter machen sie nicht fruchtbarer.

RL: Diesen Vergleich müssen Sie mir schon näher erläutern.

UH: Die Spätscholastik war subtil bis zum Haarspalterischen, selbstzentriert und methodenvernarrt. Sie benutzte ihr raffiniertes Instrumentarium, um darüber zu streiten, wieviel Engel auf einer Nadelspitze Platz finden. Das erinnert mich in fataler Weise an die Sterilitäten des Derridadaismus. Höchste Zeit, daß jemand neue „Dunkelmännerbriefe“ schreibt.

RL: Eine letzte Frage noch: Seit dem vor mehr als zehn Jahren erschienenen „Glück von Omb’assa“ warte ich auf einen zweiten Sience Fiction-Roman von Ihnen. Besteht Hoffnung?

UH: Nur als Aphoristiker konnte und kann ich einigermaßen kontinuierlich arbeiten; ansonsten bin ich Quartalsliterat, wie andere Quartalssäufer sind. Was bei solchen Schüben herauskommt, läßt sich vorher nicht sagen.

Ulrich Horstmann im Gespräch mit Rolf Löchel. In: literaturkritik.de, Nr. 12. Dezember 1999.