Mut zur Schwermut. Interview in „Psychologie heute“. (2016)

Herr Horstmann, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dem Thema Melancholie und schrieben 1987 einen Essay für den SPIEGEL zum Thema „Rückzugsgefecht für die Melancholie“. Darin ging es unter anderem darum, dass die Melancholie in unserer Gesellschaft keine Chance hat. Wie ist es heute? Hat sich da etwas verändert?

Melancholie ist nie mehrheitsfähig gewesen und wird es nie sein. Es gab Zeiten, die ihr gegenüber relativ gastfreundlich waren wie die Romantik oder der Beginn der Neuzeit, der wir Ikonen wie Dürers Kupferstich Melencolia I, den Hamlet oder Robert Burtons Anatomie der Melancholie verdanken. Die Gegenwart bringt diese Toleranz nicht auf. Wie so viele andere Epochen hat sie eine Mission, ein Evangelium: Fortschritt und Vernetzung, IT und AI. Und sie verehrt Computer und Smartphone als heiligen Gral, einen plattgestampften viereckigen Kelch, der um Himmels willen an niemandem vorübergehen soll und auf offener Straße endlos befingert und betätschelt wird. Wo sich das Heil so schamlos breitmacht, hat die Schwermut nichts verloren.

Wann eigentlich werden wir melancholisch? Sind es überzogene Ansprüche an das Leben, die nur schwer in Erfüllung gehen können?

Um hier Klarheit zu gewinnen, begibt man sich am besten an die Rückzugsorte und in die Widerstandsnester der „schönen Kunst der Kopfhängerei“. Wo also kann man Melancholie sehen, hören, riechen, schmecken? Ich war im vergangenen Jahr im irischen Cove/Cobh, wo die Titanic 1912 ihre letzten Passagiere an Bord nahm. Die Abfertigungshalle steht noch. Wer sie betritt, reagiert mit allen Sinnen – und weiß augenblicklich Bescheid. Oder das Sperrgebiet um Tschernobyl. Oder die Konterbande im melancholiefeindlichen Internet. Man klicke urbex (urban exploration) an und Bildergalerien verwaister Liegenschaften mitten im quirligen Großstadtbetrieb erscheinen. Die Musik sperrt mit Fado und Blues die Ohren auf. Nach Günter Grass‘ Tagebuch einer Schnecke riecht man die Melancholie in Rübenmieten, Waschküchen und bei eintrocknendem Sperma. Und was ist der Nachgeschmack einer verzehrten Delikatesse anders als melancholisch, wenn man den Löffel abgeben muß? All diese Eindrücke und Erfahrungen haben eins gemeinsam: das Erlebnis der Ohnmacht, des Nicht-festhalten-Könnens, der Flüchtigkeit, das quersteht zum grassierenden Machbarkeitswahn. Und eben deshalb hat Dürers Ex-Baumeisterin, die die Schwermut – so vollschlank – verkörpert, ihre konstruktive Tätigkeit unterbrochen und den Zirkel in ihrer Rechten schon halb vergessen.

Wir sind umzingelt von Aufforderungen zum Glücklichsein, trübe Gedanken und Niedergeschlagenheit dürfen nicht sein. Woher kommt die Aversion?

Gestatten Sie mir eine drastische Formulierung. Unsere Gattung besteht aus Götzendienern des Mehr; wir wollen immer mehr von uns – im doppelten Sinn inzwischen explosionsartiger Vermehrung und einer erbarmungslosen (Hoch-)Leistungsideologie – und wir wollen immer mehr von der Welt für uns. Glück verstehen wir symptomatischer- wie verräterischerweise als ‚Erfüllung‘. Die Evolution hat uns so programmiert, mit dem Erfolg, daß schon die eiszeitlichen Sammler und Jäger, die Kontinente jenseits von Afrika eroberten, dort das Großwild ausgerottet haben, was übrigens ein Spaziergang war, weil die Tiere aus offensichtlichen Gründen keine Menschenscheu kannten. Man wollte eben mehr Schlaraffenland für mehr Stammesgenossen. Deshalb kann einem auch als Vor- und Frühgeschichtler leicht die schwarze Galle hochkommen.

Worin besteht der Unterschied zwischen Depression und Melancholie? Gibt es einen fließenden Übergang?

Ein ganz entscheidender Punkt. Seit mehr als zwei Jahrtausenden wird die Melancholie, deren Anhänger evolutionsgeschichtlich offenbar aus der Art geschlagen sind, angegriffen und diffamiert. Von der Theologie sieht sie sich unter der Bezeichnung acedia als Todsünde gebrandmarkt, von der aufklärerischen Philosophie der halsstarrigen Leugnung der Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen angeklagt, von der Psychologie als therapiebedürftige seelische Erkrankung diagnostiziert. Aber auch der Alltagsverstand läßt sich nicht lumpen und liefert am laufenden Band abkanzelnde Synonyme und irreführende Gleichsetzungen. So wird die melancholische Klarsicht, die ohne die rosarote Brille eines angeblich gesunden Optimismus auszukommen sucht, als Trübsinn an den Pranger gestellt, und dort soll das Opfer auch noch das faule Obst weiterer verbaler Anwürfe wie Miesepeter und Spielverderber, Unke und Defätist treffen. Diese Beispiele übler Nachrede verfehlen aber sämtlich ihr Ziel. Wer den Angefeindeten begegnet, wird feststellen, daß es sich hier um das Gegenteil freudloser Existenzen handelt, weil sie mit den wesensverwandten Pessimisten einen bärbeißigen schwarzen Humor teilen. Montaigne und Schopenhauer sind meine Zeugen, Pessoa und Paul Watzlawik, der eine schlitzohrige Anleitung zum Unglücklichsein verfaßt hat, oder der Schriftsteller Kurt Vonnegut, der die Auslöschung Dresdens als amerikanischer Kriegsgefangener überlebte und den Roman nach seinem Lebensretter benannte: Schlachthof 5. Und wer dann noch Andrej Tarkowskijs Film Nostalghia als verramschte DVD in die Hände bekommt, kann sich mit eigenen Augen davon überzeugen, wie meilenweit böswillige Negativierung oder Feigheit von dem Temperament entfernt sind, um das es an dieser Stelle geht.

Was die so populäre Gleichsetzung von melancholischen Anwandlungen mit depressiven Schüben angeht, so macht sie schon deshalb keinen Sinn, weil noch kein Depressiver jemals in die akute Depression zurückwollte und diesen Gemütszustand als Entronnener flieht wie die Pest, während der Schwermütige gar nicht genug bekommen kann von „der Gravitation nach dem Unglück“ (Nikolaus Lenau). Gewiß, ihm ist der feste Boden des Ur- und Weltvertrauens unter den Füßen weggezogen worden und er bricht ein, wie auch der Depressive stürzt. Aber nicht in die Verzweiflung. Der Melancholiker verdumpft nicht. Er bleibt in seiner Verlorenheit bei Sinnen, mehr noch, alle Sinne sind auf Empfang, sein Sensorium gewinnt ungebremst an Feingefühl. Vielleicht hat auch ihm der Sturz aus allen Wolken, aus den Tröstlichkeiten der Routinen, dem Halt der Netzwerke zunächst Angst gemacht, aber dann entdeckt er die Wonnen des freien Falls. Die Weitsicht, das Panorama, ist ungeheuer, und man kann – der Schwerkraft bedingungslos ausgeliefert – paradoxerweise schwerelose Figuren fliegen, die sich auf dem Boden der Tatsachen von selbst verbieten. Den Fallschirm ziehen? Hat der sich nicht schon längst selbständig gemacht? Egal. Noch diese Rolle rückwärts, noch jenes Pendeln zwischen den Horizonten, noch eine Nase voll von den Düften, die der Fahrtwind …

Nein, es nimmt kein gutes Ende. Auch nicht für die, die sich und anderen eingestehen können, daß es kein gutes Ende nimmt. Wenn es ein Credo der Melancholie gibt, dann ist es in vier Worten heraus, in dem schlichten Satz: Es ist kein Heil. Aber auch durch die Einsicht in die Heillosigkeit und den Verzicht darauf, sich selbst zu belügen, wird niemand wieder ganz. Noch der Makelloseste von uns hat einen Sprung, und am Ende gehen wir in tausend Stücke. Der Depressive starrt auf den Scherbenhaufen in sich, vor sich, und die Gewißheit des Aufschlags hat ihn in ihrer Zwangsjacke. Sein Gegenspieler rauscht, wenn der Kalauer gestattet ist, schwer mutig am Heulen und Zähneklappern vorbei.

Melancholie gilt als idealer Nährboden für philosophisches und auch künstlerisches Schaffen. Wie kommt das?

Melancholie kommt aus dem Griechischen und heißt schwarze Galle. Das ist ein Begriff aus der antiken Säftelehre oder Humoralpathologie, die als Körperflüssigkeiten noch das Blut, den Schleim und die gelbe Galle kennt und aus der Dominanz jeweils eines Sekrets die Charaktertypen oder Temperamente (von temperare, mischen) ableitet, also den Melancholiker, Sanguiniker, Phlegmatiker und Choleriker. Der damaligen Medizin ging es, kurz gesagt, um Austarieren und Fließgleichgewicht, d.h. ein Verhindern oder Rückgängigmachen extremer und also krankhafter Ausschläge. Allerdings meldeten sich bald Stimmen zu Wort, die die Temperamente unterschiedlich bewerteten und von denen einige wenige ausgerechnet der mit dem Naßkalten und dem wenig anheimelnden Planeten Saturn in Verbindung gebrachte Melancholie den Vorrang einräumen. „Warum erweisen sich alle außergewöhnlichen Männer in Philosophie oder Politik oder den Künsten als Melancholiker?“, lautet entsprechend die Eingangsfrage im 30. Kapitel der pseudoaristotelischen Problemata aus dem dritten vorchristliche Jahrhundert. An dem Weltschmerz der Politiker sind wir inzwischen irre geworden. Aber seit der Neuplatoniker Marsilio Ficino im Zeitalter der Entdeckungen ein Traktat erscheinen ließ, das die Intellektuellenexistenz und die Heimsuchungen der schwarzen Galle als zwei Seiten derselben Medaille begreift, ist die Vorstellung einer nicht selten stürmischen Liaison zwischen Denklust, Einbildungskraft und der Faszination durch das Große Umsonst zu einem Gemeinplatz geworden.

Und das nicht zu Unrecht. Wir wollen uns das Wechselspiel über eine Abkürzung plausibel machen, die die verschlungenen Pfade geistesgeschichtlicher Aufarbeitung links liegen läßt. Gesetzt den Fall, Sie haben den Blues, will sagen, Sie konstatieren eine Attacke von Wehmut, von Melancholia light. Die eleganteste Reaktion darauf ist eine homöopathisch-verkunstende: Sie spielen einen Blues, oder, wenn Sie so wie ich auf dem Saxophon zwei linke Hände haben, Sie lassen sich von einem Berufeneren, von einem Virtuosen den Blues vorspielen. Anschließend muffeln Sie nicht mehr vor sich hin. Sie perlen wie die Melodie, Sie moussieren wie Sekt – wie Champagner, wenn Sie Arnett Cobb, Eddie „Cleanhead“ Vinson oder Bull Moose Jackson gehört haben. Sie waren raffiniert genug, das, was Sie hinterrücks überfallen hat, raffinieren zu lassen.

Nicht viel anders machen es die Philosophen und Künstler mit der Heavy-Duty-Variante der Schwermut. Die Unglückseligen – man muß auch dieser so treffenden Bezeichnung hinterherlauschen – schenken sich nämlich reinen Wein ein über den desolaten Zustand der Welt, innen wie außen, statt sich Illusionen hinzugeben oder Scheuklappen zu verpassen. Und es ist diese schmerzhafte, weil dünnhäutige Ehrlichkeit, die sie vor Ihre Aufgabe bringt: mit Giorgio de Chirico und Edward Hopper die Verlorenheit zu erkunden und nach dem Beispiel von Marcel Proust das im Medium des Als-Ob zurückzuholen, was verblaßt und untergegangen ist, was der erbarmungslose Lauf der Zeit weggewischt hat wie ein Foto auf dem Touchscreen.

Was kann Menschen trotz aller Schwermut gelassen machen? Welche Rolle spielt dabei die sinnliche Wahrnehmung, und warum hilft Nachdenken wenig weiter?

Einspruch! Gelassenheit gibt es für mich nicht „trotz aller Schwermut“, sondern nur mit ihr. Weil sie im Festhalten und Zurückholen des Unwiederbringlichen – re-member heißt das im Englischen, also die Gliedmaßen wieder zusammenfügen – das Loslassen lehrt und im Loslassen das Festhalten und Nachsehen, wieder im doppelten Sinn des Wortes. Wenn man sich mit dieser Muse, diesem Nachtschattengewächs einläßt, kommt man aus den Paradoxien nicht mehr heraus. Aber die sind, wie nicht nur Oscar Wilde mit Aphorismen wie „Die Grundlage des Optimismus ist die nackte Angst“ vorexerziert, keine Denkblockaden, sondern das genaue Gegenteil, zerebrales Viagra, Durchblutungshilfen für den Neocortex. Nur bei der Sinnlichkeit der Melancholie schlage ich mich ganz auf Ihre Seite. Niemand ist sensibler, offenporiger und den Reizen dessen, was auftaucht, bezaubert und schon wieder vorüber ist, schonungsloser ausgeliefert als der ’stille Brüter‘.

Haben Sie einen Lieblingsmelancholiker?

Einige von denen, die ich schätze, haben sich in diesem Interview schon zu Wort gemeldet, weitere Stimmen aus dem melancholischen Off habe ich vor einigen Jahren in dem „Lesebuch“ Die Untröstlichen vorgestellt. Als Fleisch von meinem Fleische sind sie mir alle gleich lieb, und ich bin froh, daß ich ein Gutteil meiner Zeit darauf verwendet habe, sie aufzuspüren, ihnen zuzuhören und zuzusehen.

Sie alle bestätigen einen Befund, mit dem ich zum Schluß des Gesprächs nicht hinter dem Berg halten will und darf. Melancholie ist keine Option in dem Sinne, daß sie sich antesten, ausprobieren und nach Gutdünken ein- und ausschalten ließe. Die Temperamentenlehre mag medizinisch und psychologisch längst zum alten Eisen gehören, in einem aber hat sie recht. Das melancholische Naturell ist angeboren, ganz wie die übrigen auch. Man kann sich nicht aussuchen, wie man gestrickt ist, und die einzige Wahlmöglichkeit, die man besitzt, ist die Entscheidung, ob man im Einklang mit seinen Anlagen leben will oder dagegen an. Daraus folgt des weiteren: Die Bekehrung von Anhängern einer konkurrierenden Weltanschauung bleibt ausgeschlossen; die Zahl der Schwermütigen ist mit keiner PR-Aktion, keinem Propagandafeldzug auch nur um seine Seele, einen Überläufer zu erhöhen. Sie verweilt im einstelligen Prozentbereich, deutlich unterhalb der Fünfprozenthürde, die den Einzug ins Parlament der Entscheidungsträger regelt. Nicht nur hier geben sich die Tatendurstigen und Weltverbesserer das Mikrophon in die Hand. Die Melancholie braucht keine Lautsprecher und Verstärker. „Ich kann dir was flüstern!“, lautet ihre Devise.

 

Vollständige Fassung des 2016 in „Psychologie heute“ unter dem Titel „Die schöne Kunst der Kopfhängerei“ erschienenen Interviews, das laut Horstmann „eingelaufen (ist) wie ein in die Kochwäsche geratener Pullower“.

Die Kurzfassung als PDF-Download: die-schoene-kunst-der-kopfhaengerei

Quellenangabe der Kurzfassung: Psychologie heute compact [Themenheft Melancholie] Heft 47 (2016), S. 26-19.