Frank Müller: Wer ist Klaus Steintal? (2018)

Ulrich Horstmanns Doppelgänger Klaus Steintal hat viele Gesichter. In seiner literarischen Biografie überschneiden sich eine Poetik des Suizids, apokalyptische Visionen und die lustbetonte Simulation des eigenen Verschwindens. Auch lebensbejahende Züge werden in Steintals Handeln sichtbar, wobei diese Impulse ausnahmslos in der Umsetzung scheitern. Der insbesondere in Horstmanns Theaterstücken und Hörspielen vorgeführte Aktionismus offenbart die Kehrseite eines gutgemeinten Humanismus. Er zeigt, dass es im Umgang mit apokalytischen Umbrüchen keine einfachen Lösungen und Patentrezepte gibt und ein Umsturz überkommener Systeme oft nur andere, nicht weniger widersprüchliche Konstellationen in die Welt setzt. Scheinbare Auswege gebären neue Rettungslosigkeiten. So verkörpert Steintal nicht in jedem Fall ein ungebrochen-lineares „anthropofugales Denken“, sondern mitunter auch eine dialektisch vermittelte „List der Unvernunft“. Oder, weniger philosophisch ausgedrückt: ein hoffnungsloses In-den-Wind-Schreiben zweiter Chancen. Anhand der folgenden Wegmarken – ursprünglich zusammengetragen als erläuternder Kommentar zum literarisierten Interview „Suicide by knight“ (2018) – mögen die ästhetische Produktivität und Vielschichtigkeit der Doppelgängerbegegnung in Ulrich Horstmanns Werk greifbar werden. 

 

1972: Klaus Steintal (Pseud.) debütiert mit zwei Prosatexten in der von Ulrich Horstmann und Jürgen Gross herausgegebenen Literaturzeitschrift Aqua Regia.

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1976: Unter dem Titel „Er starb aus freiem Entschluss“ gibt der Literaturwissenschaftler Ulrich Horstmann die nachgelassenen Schriften des jungen Selbstmörders Klaus Steintal heraus. Dessen literarische Versuche deutet Horstmann als „Fragmente und Sedimente einer vorzeitig zu Ende gebrachten Ontogenese“. Laut Herausgeber – Horstmann wurde am 31.5.1949 im westfälischen Bünde geboren – starb der am 15.3.1949 ebendort geborene Steintal durch einen absichtlich herbeigeführten Frontalzusammenstoß in den Trümmern seines Wagens.

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1980: Das Hörspiel Gedankenflug versetzt Steintal in die Rolle des Raumschiff-Kommandanten der „Arche III“, dessen einziger Kommunikationspartner die virtuelle Stimme des Bordcomputers Berkeley ist. Nachdem er einige Überlegungen über die Realität der Außenwelt angestellt hat (an den Computer gewandt: „Ich bin deine Vorstellung“), verstirbt er und wird Teil von Berkeleys Datenmuster.

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1981: Im Theaterstück Würm finden sich die Überlebenden von „Nachkrieg III“ in einem heruntergekommenen Museum zusammen. Unter ihnen befindet sich der „drittklassige( ) Aushilfspoet“ Steintal. Dieser vernichtet die Kunstwerke, setzt Höhlenbilder an ihre Stelle, und wird dafür vom Museumsdirektor erschlagen. – Im Stück Terrarium bevölkert Steintal mit den letzten Exemplaren der Gattung eine Anlage für Menschenhaltung, einen galaktischen Zoo. Sein Versuch, die zur Affenhorde dezivilisierten Menschen zu einer neuen Kultur zu führen, misslingt; er perpetuiert doch nur die alte Herrschaft des getöteten Alphamännchens. – „Wer Qual und Leid ausrotten will, muß zunächst ihren Verursacher, den Menschen, ausrotten“. In der Erzählung Steintals Vandalenpark preist der Zivilschutzbeamte Klaus Steintal die Schönheit der Menschenleere und plädiert für den ungehinderten Einsatz der atomaren Vernichtungspotenziale.

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1982: Als Parodie auf die ökologische Vision der Zeit entwirft das Hörspiel Grünland eine Gesellschaft, die den Ersatzgott „ÖKOL-ÖKOLOG“ anbetet. Ähnlich wie in Terrarium übernimmt Steintal die Rolle des befreienden Aufklärers. Durch den Sturz des theokratischen Regimes ebnet er jedoch nur einem neuen, durch Technologiegläubigkeit geprägten Despotismus den Weg.

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1983: „Das Korrekturlesen übernahm dankenswerterweise Herr K. Steintal.“, heißt es auf einer der ersten Seiten von Ulrich Horstmanns Habilitationsschrift Ästhetizismus und Dekadenz, eines Buchs, das mit der Literatur des fin de siècle „Beschreibungskategorien für eine nicht-humanistische, menschenferne und anthropofugale Kunst“ untersucht. – In seiner Hauptschrift Das Untier verknüpft Horstmann Suizid und Apokalypse. Der Selbstmord, so heißt es, sei ein „subjektivistisch verkürzter Reflex apokalyptischer Sehnsüchte“.

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1984: Im Theaterstück Silo – dem dritten Stück der „Trilogie aus der Nachgeschichte“ – versucht Steintal, das Zünden der letzten Atomrakete zu sabotieren. Er verstirbt, nachdem er angeschossen und schwer verletzt gezwungen wurde, doch beim Raketenstart behilflich zu sein.

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1985: Steintal und seine geschiedene Frau Barbara werden einem extraterrestrischen Petitionsausschuss vorgeführt, der darüber zu befinden hat, ob die Erde von einer „Sanierungsmaßnahme“ (vulgo: Zerstörung) bewahrt bleibt. Am Ende des Hörspiels Petition für einen Planeten werden beide Bittsteller exekutiert, noch bevor sie die Situation verstehen und einordnen können.

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1989: Ulrich Horstmanns Gedicht „Doppelgänger“ – enthalten im Band Schwedentrunk – inszeniert das zweite Ich im Spannungsfeld von lustvoller Selbstentgrenzung und Einschränkung der eigenen Möglichkeiten.

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1990: Im Roman Patzer verteilt Horstmann den Namen seines Weggefährten Steintal auf die Figuren Steinchen und Sterntaler.

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1995: Horstmanns Prosaband Konservatorium wird nach dem „plötzliche(n) Ableben des Autors“ von dessen ehemaligem Doktoranden Klaus Steintal veröffentlicht. Im Nachwort referiert Steintal eine Passage aus Horstmanns Testament. Darin wird der akademische Schüler mit der Herausgabe des literarischen Nachlasses betraut, weil, so die Formulierung Horstmanns, „für mich der Name Klaus Steintal einen lebensgeschichtlichen Wendepunkt, einen Aufbruch“ markiert.

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2000: Rajan Autze und Frank Müller veröffentlichen die Monografie Steintal-Geschichten, eine Spurensuche, die Horstmanns Werk aus der Doppelgängerbegegnung rekonstruiert.

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2001: In dem online publizierten Gespräch „Zwischen Melancholie und Makulatur“ tritt Steintal erstmals als Interview-Crasher auf.

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2005: Ulrich Horstmanns Gedicht „Steckbrief K.S.“ kriminalisiert den Doppelgänger. Der Gesuchte, so heißt es, sei „ein Parasit, sich mästend an dem implantierten Hirngespinst, / sich an seinen Hirngespinsten mästen zu können“.

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2012: In der in Sinn und Form erschienenen Polemik Wider das Herumdoktern an den Notausgängen spricht sich Ulrich Horstmann für den von eigener Hand herbeigeführten Suizid aus und geht mit der aktiven Sterbehilfe hart ins Gericht. Der Sterbehelfer sei ein „Auftragskiller“, sein vorgeblicher Wille, einen anderen zu erlösen, eine glatte Lüge. Auch derjenige, der aktive Sterbehilfe für sich in Anspruch nimmt, kommt nicht besser weg.

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2015: In den aphoristischen Dialogen der Online-Publikation Damoklesschwertfischfangschiffbrüchige arbeiten sich Horstmann und Steintal intensiv aneinander ab. – In Michael Kremers „Kleine(m) Horstmann-ABC“ (enthalten im von Alexander Eilers herausgegebenen Sammelband Entlassungspapiere) findet sich der Eintrag „K wie Klaus Steintal“. – Ulrich Horstmanns Anthologie Mit Todesengelszungen versammelt Texte von Denkern, die den Selbstmord gegen seine christliche Verteufelung rehabilitieren, sowie Schriftstellern, die den letzten Ausweg selbst für sich in Anspruch nehmen.

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2018: „Der Tod, egal ob durch Fremdeinwirkung, Organversagen oder von eigener Hand, wird totgeredet. Wir brauchen mehr Rücksichtnahme, und vor allem brauchen wir ein Mitspracherecht für die, die auf sich Rücksicht nehmen können, die Exlebhaften und Postmoribunden. Deshalb habe ich mir erlaubt, Klaus Steintal ins Spiel zu bringen“. Zu seiner Einstellung zu Selbstmord und aktiver Sterbehilfe befragt, zieht Ulrich Horstmann seinen Doppelgänger als kompetenten Gesprächspartner hinzu. Allerdings entbrennt im Laufe des Gesprächs „Suicide by knight oder Was macht Ockams Rasiermesser?“ ein Streit um die Originalität und Urheberschaft von Horstmanns/Steintals Hervorbringungen, den das zweite Ich nicht überleben soll.