Frank Müller: „Die schöne Spur der Verwüstung“. Bibliografie zu Ulrich Horstmann. (2017)

Schon ein flüchtiger Blick auf Ulrich Horstmanns Bibliografie versetzt in Erstaunen angesichts der überbordenden Vielfalt und schieren Quantität seiner Veröffentlichungen: 34 selbständige Publikationen hat dieser umtriebige Autor bis heute in die Welt gesetzt, Neuauflagen, Einzelausgaben der Theaterstücke und Online-Veröffentlichungen nicht mitgezählt. Dieser Bestand teilt sich in 20 literarische Monografien sowie 14 Bücher mit essayistisch-wissenschaftlichem ›Content‹. Addiert man die Übersetzungen (12) und Herausgaben (9) hinzu, blickt man auf eine noch beeindruckendere Zahl (55). Darin tritt aufs Nachdrücklichste der vom bekennenden Melancholiker Horstmann ausgemachte Antrieb künstlerischen Schaffens hervor, die »Melancholie als ästhetische Produktivkraft«.[1]

Bei allen berechtigten Vorbehalten gegenüber der Anwendung von quantitativen Methoden auf die Literatur, die, wenn sie denn zum Zug kommen sollen, seriöserweise auch Auflagen, Reichweiten und andere Faktoren mehr berücksichtigen müssten, wird daraus eine gewisse Schwerpunktbildung erkennbar. Sie hilft, Horstmanns Selbsteinschätzung – »Schließlich bin ich alles nur halbwegs geworden, ein halber Literat, ein halber Philosoph, ein halber Philologe«[2] – zu präzisieren: Der Literat Horstmann hat gegenüber dem Literaturwissenschaftler Horstmann endgültig die Oberhand behalten.

Und noch eine weitere Erkenntnis Horstmanns könnte sich mit Blick auf seine Bibliografie relativieren: Nämlich die, dass sein berühmt-berüchtigtes Hauptwerk Das Untier die weitere Rezeption seiner Werke nicht befördert, sondern im Gegenteil nachhaltig blockiert hat.[3] Genau 20 Rezensionen sind seit Erscheinen der Streitschrift im Jahr 1983 zum Untier zu verzeichnen. Damit wurde ihr seitens der Feuilletons deutlich weniger Aufmerksamkeit zuteil als einem anderen Buch, wie die 48 Besprechungen zu Horstmanns Übersetzung von Robert Burtons Anatomie der Melancholie beweisen. Man wird dieses gewaltige Echo nicht allein mit Verweis auf die Berühmtheit des Melancholie-Erforschers Burton abtun können. Ein großer Teil des Erfolgs geht auf das Konto des literarischen Übersetzers Horstmann. Auch die vierzehn Wortmeldungen zu den Aufführungen des Theaterstücks Würm lassen sich auf Habenseite verbuchen, zumal sich die Welle des Interesses ganz ohne Einwirkung der medialen Selbstbefeuerungseffekte erhob, von denen das Untier profitiert hatte.

Horstmanns Selbstauskünfte sind deshalb klar zu trennen von der objektiven Faktenlage. Wie auch immer man den Gesamterfolg dieser Schriftstellerkarriere also beurteilen mag, die als ironische Selbstdenunzierung aufgemachte Gleichung geht nicht auf, so oft man sie auch durchrechnet: »Vor zwanzig Jahren ein, einziger Renner und dann nur noch Ladenhüter, Makulatur, Gegammel.«[4]

Die vorliegende Bibliografie – eine aktualisierte und erweiterte Fassung der im Sammelband Jenseits der Apokalypse veröffentlichten Aufstellung[5] – ist als Arbeitspapier konzipiert. Verweise zu den einzelnen Einträgen gestatten es, die Publikationsgeschichte von Horstmanns Arbeiten nachzuvollziehen. Denn wer sich eingehender mit dem Werk des Autors befasst, wird feststellen, dass sich Horstmann stets gut um seine Hervorbringungen gekümmert und Vorhandenes nach Kräften reproduziert hat: Er hat einzelne Artikel vielfach veröffentlicht, veränderte Fassungen publiziert, unselbständige Veröffentlichungen je nach zur Verfügung stehendem Raum gekürzt oder erweitert, verstreute Beiträge zu Anthologien zusammengefasst und zahlreiche Neu- und Wiederauflagen seiner Übersetzungen und Herausgaben veranlasst.

Dabei können die Zeitspannen zwischen Erst- und Zweitveröffentlichung durchaus beträchtlich sein: So erscheint beispielweise das Essay Der lange Schatten der Melancholie (1985) ganze 27 Jahre später als ergänzte Neuausgabe.[6] Vom Erscheinen des Frühwerks Wortkadavericon (1977) zählt man sogar 34 Jahre bis zu seinem unverhofften Wiederauftauchen im Gedichtband Kampfschweiger (2011). Dies lässt nicht zuletzt Schlüsse über die Gültigkeit zu, die Horstmann bestimmten Arbeiten beimisst. Eine Werkausgabe wird aktuell im Berliner Hoof Verlag vorbereitet.

Während das bibliografische Nachgraben üblicherweise retrospektiv verfährt und der Bibliograf mit Spitzhacke und Pinsel die Sedimente literarischen Schaffens Schicht um Schicht freilegt, sind mit Schußlichterloh und Das vierte Floß der Medusa erstmals zwei Arbeiten verzeichnet, die noch keine feste Gestalt angenommen haben und deren Erscheinen sich prospektiv am Horizont abzeichnet.[7] Dies ist umso bemerkenswerter, da Horstmann im Jahr 2004 seinen Rücktritt als Schriftsteller öffentlich verkündet und diesen im Roman Rückfall (2007) literarisch sowie in der Studie Die Aufgabe der Literatur (2009) auch wissenschaftlich verarbeitet hat.[8] Demgegenüber vollzieht sich das Wiederanlaufen der literarischen Produktion bis zum heutigen Tag kommentarlos und in aller Stille.

Ich erneuere meinen herzlichen Dank an Ulrich Horstmann, der immer ein offenes Ohr für meine Fragen hatte, Korrekturen beisteuerte und den Verfasser während der philologischen Nachsorge mit augenzwinkernden Ungebührlichkeiten bei Laune hielt.[9]

F.M. im April 2017

 

PDF der Bibliografie als Download
Frank Mueller Bibliografie zu Ulrich Horstmann April 2017

 

Anmerkungen

[1] Vgl. Ulrich Horstmann: Die Kunst des Großen Umsonst. Melancholie als ästhetische Produktiv-
kraft
, in: U. Horstmann/Wolfgang Zach (Hg.): Kunstgriffe. Festschrift für Herbert Mainusch.
Frankfurt a.M. et al. 1989, S. 127-138.

[2] Ulrich Horstmann: Kleines Divertimento über den Elefantenwurm. Rede zur Verleihung des
Kleist-Preises
, in: Ansichten vom Großen Umsonst. Essays. Gütersloh 1991, 77.

[3] »Das ›Untier‹ war ein letztes Buch und, da der Markt der Überbietungslogik gehorcht,
erfolgreich und ruinös zugleich. Der Debütant Horstmann kam danach nie mehr richtig ins Ge-
schäft, denn das verlangte nach einem apokalyptischen Wiederkäuer. Mein Glück! So viele
vorletzte Gedichte, Aphorismen, Essays sind noch zu schreiben. Die Welt verschwimmt einem
vor den Augen, wenn man darüber nachdenkt.« (Wir bewohnen einen Hinterhof. Rolf Löchel in-
terviewt Ulrich Horstmann, in: literaturkritik.de, Dezember 1999, S.4.)

[4] Ulrich Horstmann: Rückfall. Roman. Münster 2007. S. 9

[5] Vgl. Frank Müller: Bibliografie zu Ulrich Horstmann, in: Jenseits der Apokalypse, ebd., S. 237-
290.

[6] Vgl. Ulrich Horstmann: Der lange Schatten der Melancholie. Versuch über ein angeschwärztes
Gefühl.
Essen 1985; um ein Vorwort ergänzte Neuausgabe Hamburg 2012.

[7] »Anbei zwei Dateien fürs Depot. Die Sachen sind noch unfertig, und ich werde sie in meinem
abgestoßenen Bauchladen wohl wieder durch die Lektorate tragen. Eine schlechte Angewohnheit,
ich weiß.« (Ulrich Horstmann an Frank Müller, per E-Mail, 09.04.2017.)

[8] Vgl. Frank Müller: »Letzte Runde vor dem Aus-Gießen«: Über die Schwierigkeit, aufzuhören, in:
Frank Müller (Hg.): Jenseits der Apokalypse. Hinweise zu Ulrich Horstmann. Bielefeld 2015, S.
221-235.

[9] »Die schönste Spur der Verwüstung ist nichts ohne ihren Spurensicherer.« (Ulrich Horstmann an
Frank Müller, per E-Mail, 01.03.2017.)